Hilfe, wir fühlen!

Blogparade: Als Familie durch eine Krise kommen.
Ein Beitrag von Katharina Sporleder

Sehr viele Familien um uns herum sind – genau wie wir auch – mit Feuereifer und Volldampf in den letzten Monaten auf ihre eigene individuelle Reise aufgebrochen.

Nachdem wir es ein paar Jahre immer wieder probiert haben war klar, dass wir mit dem „normalen“ Weg nicht klarkommen – Schule, Job, Ernährung, Gesundheit, Beziehung, Spiritualität und alternative Gedanken – so viele Familien haben wir getroffen und alle haben ihren eigenen Schmerzpunkt gehabt und sind aufgebrochen auf die Reise zu sich selbst. Es berührt mich tief im Herzen jedes Mal und ich finde es großartig, dass es so viele sind.

Heute möchte ich aber über das Phänomen „Krise als Familie“ schreiben – und natürlich hat es auch oft mit der oben beschriebenen Situation zu tun.

Und glaub mir, wir hatten einige echte ernste Krisen in den letzten Monaten, besonders weil wir uns auf den Weg gemacht haben.

Was ist denn eine Krise und woran merken wir, dass wir in einer stecken?

Wikipedia definiert sie folgendermaßen: „Höhepunkt oder Wendepunkt einer gefährlichen Lage, entscheidender Abschnitt einer schwierigen Situation.“

Somit ist eine Krise eigentlich schon beinahe das Ende eines Weges oder der Gipfel einer Besteigungstour. Ich denke es ist vor allem der Abschnitt in dem all das „Brodeln“, „Reiben“ und „Verändern“ wirklich sichtbar wird, laut ausgesprochen und benannt wird und vielleicht auch erstmalig wirklich gefühlt wird.

Wir hatten in den letzten Jahren kaum Streitsituationen und schon erst recht keine Krise.

Warum? Ich denke vor allem deshalb nicht, weil eigentlich alles klar war. An dem, wie es war, wurde nur bedingt gerüttelt, es staubte nur ein bisschen, aber eben kein großes Abrisskommando, keine große Veränderung.

Solange ich alleinstehend war, konnte ich Veränderungen, Entscheidungen und anderes mit mir selbst ausmachen, später dann zu weit als Paar war es schon manchmal fordernder und wir haben lange Gespräche geführt, uns ausgetauscht, gelacht, geweint, den Frust oder die Angst miteinander bearbeitet und uns in unseren tieferen Prozessen gegenseitig gespiegelt.

Manchmal war es dann so, dass wir uns für einen Gefühlsprozess einfach Zeit genommen haben. Einen ganzen Tag oder ein Wochenende, die Nacht durchgesprochen und uns im Arm gehalten. In dieser Zeit ist viel Nähe, Vertrauen und Verständnis entstanden und wir konnten uns einfach Zeit nehmen.

Jetzt sind wir zu viert und die „Spiegelkraft“ in der Familie hat sich potenziert, viel mehr Komponenten schwingen mit und werden angestoßen, jeder Schritt fabriziert viel größere Wellen und wirft noch viel mehr davon zurück. Ich glaube, dies ist der erste Erkenntnispunkt in der Frage, warum eine Krise als Familie so viel kraftvoller ist als allein oder als Paar. Es ist übrigens aber auch die Antwort darauf, warum es kaum möglich ist Themen wegzudrücken, wenn sie erst einmal in Bewegung gekommen sind. Die Kraft ist einfach riesig.

Wenn es in unserem Leben große Veränderungen gibt – selbstgewählt oder auf uns zukommend – dann beginnt der Prozess, indem wir unsere bisherigen Werte, Handlungsweisen, Motivationen und Ziele hinterfragen. Es ist wie ein Innehalten, ein bewusstes „Stopp“ und dann eine klare Entscheidung „ja, so will ich weitergehen“ und „das möchte ich nicht mehr“. Aber so ganz einfach ist es nicht.

Theoretisch ist ja nichts Großes dabei: Innehalten, erkennen, neu ausrichten, weitergehen.

Aber was dabei fehlt, sind die Gefühle.

Viele Situationen in unserem Leben haben uns stark gefordert und dazu geführt, dass wir die entstehenden Gefühle nicht zu Ende fühlen konnten. Manchmal war kein Raum dafür oder keine Zeit, vielleicht haben wir auch übernommene oder gebildete Glaubenssätze und Muster die uns dazu bringen unseren Gefühlen nicht wertfrei begegnen zu können.
Der Emotionalkörper merkt sich das „da wurde etwas nicht (zu Ende) gefühlt“ und legt einen Vorrat solcher emotionaler Blockaden an und vertraut darauf, dass es später einmal einen Raum dafür geben wird, um diese zu verarbeiten. Leider haben diese besonderen Vorräte ein sehr sehr langes Haltbarkeitsdatum – teilweise sogar über sehr viel längere Zeiträume als eine Lebensspanne.

Solange wir nun also in unserem sicheren Fahrwasser unser Leben verbringen, spüren wir vielleicht eine Schwere, eine Belastung, können das aber gut verdrängen.
Dann kommt jetzt der Moment, in dem sich etwas ändert in unserem Leben. Das kann ein Schicksalsschlag sein, eine Krankheit, ein Unfall – oder eben auch die ganz bewusste Entscheidung aus dem Hamsterrad auszusteigen, so wie es viele Familien gerade tun.

Egal was es davon ist, das Ergebnis ist dasselbe: die gewohnten Grenzen, Routinen, Sicherheiten und ganz allgemein die Stabilität die damit einhergeht, schwinden plötzlich oder fallen ganz weg.

Es passieren nun also zwei Dinge auf einmal: wir hinterfragen bewusst „wie will ich es gestalten?“ und nehmen uns damit gedanklichen Raum, erweitern unsere Box und verlassen unsere Kontrollzone. Und das zweite ist, dass der Riegel vor all den Verletzungen, Traumata, Emotionsblockaden und anderen „Vorräten“ ebenso verschwindet und diese Dinge die Chance ergreifen und sich den Raum suchen, der bislang dafür nicht da war.

Nicht selten passiert nun also Folgendes: Wir gehen davon aus, dass wir einen bewussten Schritt in die Freiheit wählen und die Tür zu neuen Dimensionen für uns als Familie öffnen. Das kann zum Beispiel auch einfach ein Jahr Elternzeit sein. Wir erwarten dann, dass nach diesem Schritt alles leichter und angenehmer und klarer ist. Und so wie beim Arbeitnehmer der im Urlaub wenn der Stresspegel sinkt und er erst einmal krank wird, ist es dann auch als Familie. Statt Frieden, Ruhe und Entspannung erleben wir erst einmal das absolute Gegenteil und es scheint uns innerlich zu zerreißen.

 

Blogparade: Als Familie durch eine Krise kommen

 

Was passiert, wenn wir einen Schritt in Richtung Freiheit gehen…

Wir haben das auch erlebt, ich sehe es bei vielen anderen Familien und habe es regelmäßig als Thema in meinen Coachings. Sobald wir einen Schritt in die Freiheit gehen, kommen die Themen, Gefühle, Muster, Blockaden, Verletzungen und allzu leicht entsteht daraus eine handfeste Krise.

Lange haben wir uns gar nicht den Raum dafür genommen, zu schauen, wie wir uns weiterentwickelt haben und ob unsere Werte überhaupt noch zueinander passen. Wir haben so oft „im Alltag“ etwas heruntergeschluckt oder uns nicht gefragt, was WIR eigentlich brauchen, Bedürfnisse übergangen und in der Hektik den Raum dafür nicht gefunden zu fühlen.

Und jetzt plötzlich und mit großer Kraft kommen so viele Themen dann auf einmal zum Vorschein.

Themen aus der eigenen Kindheit, aus der Beziehung zu uns selbst und unserem Partner, zu unseren Eltern und natürlich auch zu unseren Kindern.

Zusätzlich ist es nun so, dass wir – weil wir ja im Alltag verdrängen – auch kaum Routine darin haben, mit großen Gefühlen und tiefen Themen umzugehen. Alleine nicht und als Familie wahrscheinlich schon erst recht nicht. Es gibt also keine geübten Rückzugsstrategien, wenn alles überfordert und keine erprobten Kommunikationsweisen die nicht verletzen und uns helfen, wenn innerlich alles brodelt.

Mir fällt es ja allein schon so schwer, mit dieser Gefühlsmasse umzugehen, aber wie reagieren die anderen drei auf dieses Phänomen, dass sie so von mir vielleicht nicht kennen?

Es kann für den Partner, aber besonders für die Kinder sehr verstörend sein, wenn die Mutter plötzlich hemmungslos weint oder ihrer Wut Luft macht, Verzweiflung zum Ausdruck bringt oder Schmerz fühlt. Nicht weil diese Gefühle an sich verstörend sind, sondern weil wir mit ihnen keinen Umgangsmodus haben. Manchmal kommt es mir so vor, dass es sie einfach davor nicht gab.

In der Familie geschieht nun Folgendes: Einer erlebt nun in der Freiheit seine emotionalen Verletzungen und Gefühle und ist unbeholfen im Umgang damit, alle anderen werden dadurch beeinflusst, starten ebenfalls Prozesse und spiegeln ihrerseits Unbeholfenheit oder anderes zurück, was wiederum den eigenen Prozess intensiv verstärkt.
Durch Triggern und Reagieren schaukeln sich in dem neu gewonnenen Raum nun also Prozesse hoch, Reibung entsteht, Auseinandersetzung, Wahrnehmung und natürlich Fühlen.

Das ist jetzt der Zeitpunkt, an dem wir von „Krise“ sprechen.

Grundlegende Dinge wurden in Frage gestellt, bislang verschlossenes nun in Bewegung gebracht und sehr oft ist der Ausgang offen.

Ich kann mich an eine Situation erinnern, in der wir uns über Tage in einem „Zwischenraum“ befanden. All unsere grundlegenden Annahmen wurden immer wieder und wieder überworfen und diskutiert, auf allen Seiten war sehr viel Schmerz und wir wussten nicht, woher das plötzlich alles kam.

Da war Ungeduld (möglichst schnell wieder Stabilität schaffen), große Angst (wie geht es weiter?), sehr großer Schmerz (Verletzungen, eigene Themen, Kernpunkte) und Hilflosigkeit.
Der Kopf, der Verstand, versucht alles zu ordnen, zu begreifen, zu sortieren und verstehen, die Logik dahinter zu erkennen um etwas Bekanntes oder Sinnvolles einordnen zu können und verzweifelt am Scheitern.

Fühlen ist Heilen

Und dieser Punkt ist so wesentlich. Wenn wir loslassen und die Verstandesebene verlassen, geben wir Raum für das Fühlen. Oft erscheint uns das Fühlen so unproduktiv, dabei ist es Heilen. Wenn wir es schaffen (alleine und als Familie) durch diese Ängste und Schmerzen hindurchzugehen und die Gefühle zu Ende zu fühlen, dann befreien wir uns damit wirklich.

Unsere eigenen Begrenzungen werden von unseren noch bestehenden Verletzungen, Prägungen und Mustern gestützt und indem wir diese loslassen erschaffen wir uns selbst die Möglichkeit wirkliche und nachhaltige Freiheit zu erfahren.

Eine Krise (egal ob allein oder als Familie) ist etwas sehr Kraftvolles und auch Wertvolles. Sie bringt uns dazu, unsere Begrenzungen hinter uns zu lassen.

Seitdem wir unseren Weg in Richtung Freiheit eingeschlagen haben, haben wir in beinahe regelmäßigen Abständen krisenähnliche Situationen und natürlich ist der erste Gedanke immer „nicht schon wieder!“ und trotzdem weiß ich um das riesige Potential zur Transformation darin.

Was ist für eine Familie besonders wichtig dabei?

Meiner Erfahrung nach ist es wichtig, Absprachen zu treffen und Kanäle für Gefühle und Emotionen zu üben, damit im „Ernstfall“ keine vermeidbaren zusätzlichen Verletzungen entstehen. Das gilt gleichermaßen für Eltern wie auch Kinder.

Der zweite wesentliche Unterschied zu unseren ersten Krisen ist die Kommunikation währenddessen darüber. Erstrebenswert ist es, eine Art Metaebene einzuführen, auf der alle in der Familie über die Krise miteinander im Austausch bleiben können, damit sichergestellt ist, dass alle Teil des gemeinsamen Prozesses bleiben können.

Es kann helfen, gemeinsam angeleitet in Gefühlsprozesse zu gehen und ich habe immer wieder wertvolle und wohltuende Unterstützung in solchen Situationen erfahren. Der Anspruch an uns, Krisen alleine und ohne externe Hilfe zu durchstehen ist weit verbreitet aber wenig nützlich. Viel mehr glaube ich fest daran, dass erst wenn wir auch diese Kontrolle aufgeben, wir uns voll und ganz in den Prozess hineingeben können.

Unsere Krisen haben uns rückblickend sehr gefordert und gleichzeitig einen wesentlichen Teil dazu beigetragen, dass wir jetzt so als Familie dastehen, wie wir es tun. Mit all der Bindung, Innigkeit, der Verbundenheit und dem Vertrauen – aber auch dem Wissen um die Themen.

Ich habe großen Respekt vor Krisen wegen des Schmerzes, aber vor allem wegen ihrer Transformationskraft.

Mir liegt dieses Thema sehr am Herzen, besonders weil ich weiß, dass darüber selten öffentlich gesprochen wird. Es ist immens wichtig, dass wir uns dahingehend öffnen und auf Herzensebene begegnen und unterstützen, denn auch das ist Teil des Prozesses.

 

Alles Liebe

Katharina Sporleder

Heart-Family

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Sehr viele Familien um uns herum sind – genau wie wir auch – mit Feuereifer und Volldampf in den letzten Monaten auf ihre eigene individuelle Reise aufgebrochen. Nachdem wir es ein paar Jahre immer wieder probiert haben war klar, dass wir mit dem „normalen“ Weg nicht klarkommen – Schule, Job, Ernährung, Gesundheit, Beziehung, Spiritualität und alternative Gedanken – so viele Familien haben wir getroffen und alle haben ihren eigenen Schmerzpunkt gehabt. #Krise #Gefühle #transformation

 

Dieser Artikel ist Teil der Blogparade vom 01.02.2018 bis zum 15.3.2018: „Als Familie durch eine Krise kommen.“

Keiner mag Krisen, doch im Laufe des Lebens begegnen sie uns unverweigerlich, ob wir nun Kinder haben oder nicht.
Weil der Umgang mit Krisen einer der größten Prüfsteine für Familien sind, findet hier auf der Seite ab dem 01.02.2018 eine Blogparade zu dem Thema „Als Familie durch eine Krise kommen“ statt.

Hier findest du einen Überblick über alle bisher erschienenen Artikel: Blogparade: Als Familie durch eine Krise kommen

Mehrere Autoren schreiben über ihren Weg aus der Krise, aber auch, auf welche Resourcen und Hilfen du in einer Krise zurückgreifen kannst.
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