“Mein Kind tickt immer wieder komplett aus – was kann ich nur tun?”

“Mein Kind tickt immer wieder komplett aus – was kann ich nur tun?”

Annika, 36:

“Ich war gestern mit meiner sechsjährigen Tochter bei meinen Eltern zum Essen eingeladen. mein Bruder mit seiner Familie war auch da.
Meine Tochter Marie sagte, sie hat Hunger und wollte etwas essen. Ich bat sie, noch etwas zu warten, weil Oma noch 10 Minuten braucht. Ich will aber jetzt was essen, drängte sie.
Ich versuchte geduldig zu bleiben. Da ist sie völlig ausgetickt, bekam einen Wutanfall, beschimpfte mich mit Scheissmama und so.
Mein Bruder mischte sich auch noch ein, weil er fand, dass ich ihr zu viel durchgehen ließ. Meine Mutter stimmte ihm zu. Am Ende habe ich sie in ein anderes Zimmer getragen, wo sie auf mich eingeschlagen hat und sich erst nach einer Stunde beruhigt hatte. Am Ende habe ich mit ihr geschrien und geweint.
Ich habe immer Angst vor ihrem nächsten Wutanfall. Sie tickt zur Zeit andauernd aus.  Ich bin mit ihr alleine und habe bald keine Kraft mehr. Was soll ich nur tun, wenn sie sich so verhält?”

Die Frage wurde mir von Annika, einer erschöpften Mutter gestellt. Da der Umgang mit einem Wutanfall unserer Kinder eine der größten Herausforderungen im Leben mit Kindern ist, gehe ich hier darauf ein.

Ein Kind, dass sich so verhält, ist in Not.

Die klassische Antwort ist meistens: “Zeige ihm seine Grenzen. Es muss lernen, dass es nicht das Sagen hat, sondern sich auch mal anpassen muss. Du lässt ihm viel zu viel durchgehen.”

“Seine Grenzen zeigen” bedeutet in diesem Sinne mit körperlicher oder psychischer Gewalt zu antworten.

Und tatsächlich kann es dazu führen, dass das Kind sein Verhalten einstellt.

Es wird still.

Doch nicht, weil es dieses Verhalten aufgelöst hat oder dieses Verhalten nicht mehr braucht.

Sondern weil es aus Angst vor Strafe sich anders verhält. Seine Reaktion rutscht eine Stufe tiefer, nicht mehr so leicht für andere wahrnehmbar.

Doch die Ursache für sein Verhalten ist immer noch da.
Seine Not bleibt.

Erwachsene erwarten vom Kind eine Verhaltensänderung, damit es nicht mehr zu solchen Situationen kommt. Das Kind jedoch reagiert auf das Verhalten der Erwachsenen. Es zeigt mit seinem Verhalten das Verborgene. (mehr dazu:Kinder sind Gefühlsseismographen)

Um was geht es in diesem Konflikt wirklich?

Daher ist die wichtigste Frage bei solchen wiederkehrenden Situationen:
Um was geht es in dem Konflikt wirklich?
Welche Gefühle und Bedürfnisse sind in ihm verborgen?
Und was was hat zu dieser Situation geführt?

Manchmal sind es schlicht die Grundbedürfnisse, wie Essen und Trinken, die gestillt werden wollen. Doch oft spielen noch andere Faktoren dazu, dass die Reizschwelle vom Kind so niedrig und seine Frustrationstoleranz so gering ist.

Annika befindet sich schon länger in einer belastenden Lebenssituation:
Sie ist vom Vater des Kindes getrennt und hat keine Unterstützung im Alltag.
Sie ist erschöpft und vom Alltag überfordert.
Die Angst vor einem Wutanfall nimmt ihr die Freude am Zusammensein mit ihrem Kind. Gleichzeitig möchte sie eine gute Mutter sein und versucht für ihre Tochter zu tun, was sie nur kann. Weil sie weiß, wie sehr ihre Tochter unter der Trennung gelitten hat und wie sie ihren Vater vermisst, möchte sie ihrer Tochter weiteren Frust ersparen.

Ihr fehlt die Anerkennung für all das, was sie täglich tut. Manchmal ist sie wütend auf ihre Tochter Marie, weil sie soviel fordert und gar nicht sieht, was sie, Annika, alles für sie tut und worauf sie verzichtet, um eine gute Mutter zu sein. Sie wünscht sich nichts mehr als sich einfach mall entspannen zu können und nicht ständig von einem Termin zum anderen zu hetzen.

Marie zeigt mit ihrem Verhalten ganz klar, dass etwas nicht stimmt.

Sie spürt die ständige Anspannung der Mutter, die mal ganz ruhig scheint und dann sie plötzlich anschreit.
Ihre Mama sieht auch oft sehr traurig aus und dann fühlt sich Marie schlecht. Sie versucht dann, indem sie Wünsche an ihre Mutter richtet, dass ihre Mutter sie wieder in den Arm nimmt und anschaut. Wenn ihre Mutter einen ihrer Wünsche erfüllt, steigt kurzzeitig Maries Stimmung.
Doch was Marie wirklich sucht, ist die Annahme ihrer Person. Sie sucht Liebe und Verbindung, doch ihr Weg, ihre Strategie, ist unglücklich gewählt. Sie bekommt so nicht, was sie sucht.

So wird ihr ihr Bestreben danach immer größer, weil ihr Mangel stärker wird. Gleichzeitig hat sie auch den Wunsch nach Autonomie, dem sie viel zu spät Raum gibt, weil sie Angst hat, die Nähe zu ihrer Mutter zu riskieren.

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Eine angespannte Beziehung zu heilen braucht Zeit.

Die Heilung erfolgt selten in der Situation, in der sich der Schmerz zeigt, sondern in der Stärkung der gesamten Beziehung. Marie braucht Erwachsene, die für sich selbst einstehen und die Verantwortung für sich übernehmen und eine ungelöste Situation nicht auf das Kind übertragen. Sie ist mit ihren 6 Jahren einfach überfordert mit den Erwartungen und Gefühlen der Erwachsenen, die auf sie einströmen. Maries innere Anspannung steigt und findet Ausdruck in dem Wutanfall.
Doch auch wenn sie sich so kurzzeitig entlädt, findet sie nicht so dass was sie braucht: Liebe, Verbindung, Anerkennung und Autonomie.

Was kann Annika tun, damit der Alltag mit ihrem Kind wieder von Freude geprägt ist und nicht mehr von Stress?

Das Wichtigste zuerst: Nicht in die Selbstverurteilung gehen.

Die Situation so, wie sie ist, annehmen. Die Verantworung übernehmen.

Verantwortung übernehmen bedeutet jedoch nicht, sich die Schuld zu geben. Schuldgefühle führen zur Selbstverurteilung. Dadurch erhöht sich der innere Stress. Mütter neigen zur Selbstverurteilung.
Verantwortung übernehmen dagegen bedeutet sich selbst als Gestalterin des eigenen Lebens zu sehen. Nicht als Opfer.

Annika nimmt zur Zeit vor allem das ihr unangenehme Verhalten ihrer Tochter wahr. Es hilft, den Blick bewusst auf all die positiven Eigenschaften ihrer Tochter und die schönen Erlebnisse zu richten. Weil das am Anfang schwer ist, wenn man gerade in einer Negativschiene gefangen ist, hilft es, das täglich für ein paar Minuten schriftlich zu machen.

Sie kann sich auch ein Bild ihrer Tochter als Baby zurechtlegen, dass sie sich in einer stressigen Situation anschaut. das hilft, die Liebe wieder fließen zu lassen.

Gleichzeitig kann sie aktiv dazu beitragen, dass die schönen Momente mehr werden.

Sie kann mehr Handlungen im Alltag einbauen, die ihnen beiden gut tun und Freude bereiten: kuscheln, toben, Filme zusammen gucken, zusammen backen, malen, Uno spielen…

Spielen!

Das zwecklose Spiel, was nur der Lebensfreude und der Bindung dient, ist wunderbar geeignet, um eine verletzte Kinderseele wieder zu beruhigen.
Dafür eignen sich Spiele ohne Wettbewerbscharakter. Es reicht meistens, den Spielangeboten des Kindes zu folgen. Mitzumachen, wenn es mit seinen Puppen oder mit Lego spielt und sich dabei komplett von dem Kind anleiten zu lassen und sich auf die Welt des Kindes einzulassen.

Und im Spiel kann der Erwachsene mal bewusst seine Macht, die er ja hat, abgeben. Kinder lieben Machtumkehrspiele. Ihnen ist dabei durchaus bewusst, dass es ein Spiel ist. Zugleich ist es für sie unglaublich befreiend, sich einmal selbst als mächtig zu empfinden.
Zum Beispiel indem sie nur mit einen Fingerstups die Mutter umwerfen können.
Oder den Vater in ein Tier verwandeln können.
Kinder zeigen oft, wenn sie Lust auf ein Umkehrspiel haben. Wir brauchen dem Impuls nur zu folgen.

Zuhören

Kinder fangen selten an, wichtige Dinge zu erzählen, wenn wir gerade Zeit haben. Doch dann erfahren wir soviel von dem Leben unserer Kinder, wenn wir ihnen auch dann zuhören.
Zugewandtes empathisches Zuhören schafft eine starke Bindung. Annika kann auch nach einem Konflikt, wenn die Wellen der Erregung abgeebbt sind, sich in Ruhe die Sichtweise ihrer Tochter anhören. Sie kann dabei die Gefühle ihrer Tochter spiegeln.
Kindern helfen dabei auch Bücher und Geschichten, oder Bildkarten, die Gefühle darstellen.
(Mehr dazu: Warum es so wichtig ist, alle Gefühle unserer Kinder anzunehmen und wie wir wieder eine reiche Gefühlssprache lernen)

Entlastung organisieren

Den Alltag mit einem Kind alleine zu stemmen ist eine Aufgabe, die viele an ihre Grenze bringt. Besonders, wenn die Trennungserfahrung noch sehr frisch ist.

Annika kann sich gezielt Unterstützung suchen. Sei es, wenn sie es sich finanziell leisten kann, durch eine Haushaltshilfe, Kinderbetreuung oder auch durch Hilfe im Freundes- und Verwandtenkreis. Dafür braucht es, sich einzugestehen, dass man Hilfe braucht und damit hadern viele Mütter.
Es ist okay, nach Hilfe zu fragen. Vielmehr ist es sogar ein Zeichen von Stärke. Keine muss es alleine schaffen. Und die Erfahrung ist, dass Menschen gerne helfen.

Darüber sprechen

Wenn Annika jemanden braucht, der sie mental bei der Bewältigung ihrer Situation helfen kann, dann kann sie sich aktiv jemanden suchen. Sei es durch eine Beratungsstelle oder eine Therapie, aber auch durch gute Freunde.

Außerdem ist es notwendig, dass Annika ihre eigenen Grenzen rechtzeitig wahrnimmt und sie ihrer Tochter ohne schlechtes Gewissen zeigt. Ihre Tochter Marie spürt ja ohnehin, wenn mit ihrer Mutter etwas nicht in Ordnung ist. Doch ohne klare Haltung bezieht sie deren Verhalten auf sich.
Indem sie zu sich und ihren Bedürfnissen steht, entlastet Annika ihre Tochter Marie, die sonst wie ein Scanner auf die Stimmungen ihrer Mutter reagierte.

Annika kann die Haltung entwickeln: Ich darf gut für mich und meine Bedürfnisse sorgen. Und Marie kann es aushalten, wenn ich manche ihrer Wünsche nicht erfülle.

Bisher hatte Annika ein schlechtes Gewissen, wenn sie nicht sofort den Wünschen ihrer Tochter nachgekommen ist. Sie dachte daran, was Marie alles mitmachen musste und wollte ihr weiteren Frust ersparen. Doch dadurch wurde Annika immer erschöpfter und Marie wirkte auch nicht zufriedener, wenn ihrer Mutter ihr unwillig einen Wunsch erfüllte. Denn das Bedürfnis hinter dem Wunsch wurde nicht gesehen.

Wenn Marie zum Beispiel mit dem Wunsch zu ihrer Mutter kommt, jetzt unbedingt mit ihr zum Eiscafé zu gehen und ein Eis zu essen, Annika aber müde ist und zu Hause bleiben will, dann kann sie das auch genauso sagen. Ohne Vorwurf, was denn Marie jetzt schon wieder alles will.
Und Marie kann ihrerseits das blöd finden und enttäuscht und wütend sein. Das ist ihr Recht auf ihr eigenes Gefühl.

Wenn Annika es aushält, den Frust und den Wutanfall ihrer Tochter zu begleiten und dabei bei sich zu bleiben, bietet sie ihrer Tochter die Sicherheit und den Rahmen, den ihre Tochter braucht.
In einer grundsätzlichen positiven liebevollen Beziehung kann Annika den Schmerz ihrer Tochter leichter annehmen und sie liebevoll in den Arm nehmen.

Marie braucht Erwachsene, an denen sie sich orientieren kann und die zu ihren eigenen Bedürfnissen stehen und gleichzeitig die des Kindes wahrnehmen.

Je mehr Orientierung Annika ihrer Tochter bietet und je mehr Verbindung im Alltag entsteht, desto weniger Konflikte wird es geben.

Denn Kinder wollen kooperieren. Tun sie es nicht in dem Ausmaße, wie es Marie nicht tut, dann ist es ein Hinweis, dass etwas gerade nicht stimmt.
Je mehr wir herausfinden, was hinter einem Verhalten liegt und was sowohl die Mutter als auch das Kind wirklich brauchen, desto eher können wir einen Teufelskreis aus Anspannung und Streit beenden.

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Die Kinder streiten.
Dein Kind haut dich.
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Glücklich und gelassen Mama sein

In meiner Gruppe „Glücklich und gelassen Mama sein” findest du viele andere Mütter, mit denen du dich verbinden kannst und bekommst regelmäßig wertvolle Impulse von mir.

Ein Kommentar

  1. Gerlinde Glade am 30. Dezember 2019

    Der Artikel ist sehr lesenswert..Genau Alltag ist nicht einfach zu meistern,daran scheitert es oft…Der Alltagsstress ist teils von uns selber oder von Schule hausgemacht..Das heißt wir sollten wirklich nur bei uns selber anfangen,ob wir in dem Hamsterrad noch mitlaufen möchten..Schule greift ins Privatleben immens ein,besonders wenn das Kind nicht nach Plan funktioniert..Vg Gerlinde

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