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Wir waren ja noch Kinder…

“Wo müssen wir denn lang gehen?”, fragte ich meinen großen Bruder.

Er schaute ratlos auf die Weggabelung, die vor uns lag.

Die wärmende Oktobersonne wich inzwischen dunklen Wolken und die ersten Tropfen fielen vom Himmel.

“Ich will nach Hause”, klagte ich, “ich will zu Mama.”

Der große Bruder, der mit knapp sieben Jahren auch nur 18 Monate älter war als ich, blickte besorgt zum Himmel.

Er musste doch wissen, was zu tun war. Wusste er doch sonst auch immer.

Wir waren im Harz mitten im Wald. Da, wo wir schon so oft mit unserer Mutter hochgewandert sind. Doch jetzt wussten wir nicht mehr genau, wie wir zurückkommen sollten.

Und es wurde dunkel.

Mein Herz schlug schneller und die Augen füllten sich mit Tränen. Ich wollte nach Hause.

Dann kamen wir auf eine Idee, wie sie wohl nur Kinder haben…

2 Stunden zuvor waren wir noch mit unseren Eltern im Vorzelt von unserem Wohnwagen gewesen.

Mein Vater fummelte gerade an dem Gasheizer rum, um den Herbstabend auf dem Campingplatz gemütlicher zu machen.

Meine Brüder spielten Karten. Ich spielte mit meiner Puppe.

Wie oft, wenn dann einer verlor, wurde er so sauer, dass er einen Streit begann. Heiße Gefühle.

Bestimmt hatte der Bruder 2 geschummelt.

Verärgert schubste Bruder 1 den Bruder 2 so doll, dass er gegen die Zeltstangen purzelte.

Das Zelt wackelte.

Mein Vater lies die Gasheizung los und sprang wutentbrannt dazwischen.

Er brüllte so laut, dass die Zeltwände erneut wackelte.

Ich duckte mich.

Auch wenn ich nicht gemeint war, machte mir das Angst.

Schnell raus aus dem Zelt.

Bruder 2 kam mir hinterher.

Mein Herzensbruder.

Wir wussten mit der Weisheit kleiner Kinder, dass es am besten war, sich für eine Weile zu verkrümeln, wenn unser Vater am Ausrasten war. 
 
 
 
Die Wut unseres Vaters explodierte wie ein Feuerwerkskörper, erlosch aber ebenso schnell.

In der Umgebung des Campingplatzes und in dem nahen Wald kannten wir uns aus.
Die Kinder der Camper verbrachten dort Stunden und Tage im wilden Herumstromern. (Damals meist ohne Erwachsene.)

Instinktiv wollten wir möglichst viel Raum zwischen uns und dem Feuerwerkskörper bringen.

Landeten also auf dem Berg.

Doch nun, in der beginnenden Dämmerung, sah alles so fremd und unheimlich aus. Der Regen war mittlerweile kräftig geworden.

Und wir zwei, mit der Logik der Kinder, die nicht wussten, welchen Weg sie an der Gabelung nehmen sollten, entschieden uns für den kürzesten.

Den Nicht-Weg.

Wir rannten abseits vom Weg direkt den Berg hinunter. Und wenn es ging, dann rutschten wir auf dem Hosenboden auf dem nassen Laub die Abhänge runter.

Nur möglichst schnell wieder zurück.

Unten angekommen erkannten wir wieder, wo wir waren.

Ganz fix liefen wir den Weg zum Campingplatz entlang.

So schön sahen sie aus, die Lichter der Campingwagen. So heimelig.

“Mama, wir sind wieder da”, riefen wir, als wir unseren Wohnwagen erreichten.

Unsere Mutter hatte schon auf uns gewartet.

Sie schloss uns in ihre Arme, nass und dreckig wie wir waren und brachte uns zur wärmenden Dusche. 
Ich erinnere mich noch heute an das wohligwarme Gefühl, als das heiße Wasser mir den Rücken herunterfloss und das Leben zurück in meinen Körper brachte.

Meine Mutter, wickelte uns in Handtücher und Bademäntel, kochte noch heißen Kakao für uns und unser Abenteuer war noch mal gut gegangen.

Unser Vater hatte seine Wut, die für uns der Anlass zum Abhauen war, längst vergessen.

Mein Vater, der für uns Kinder so übermächtig war, hatte mit seinem unkontrollierten Verhalten bei uns Kindern den Fluchtreflex ausgelöst.

Er selbst war von der Angst um das Vorzelt schlagartig in den Angriffsmodus katapultiert worden.

Heute verstehe ich, worum es ihm wirklich ging.

Er konnte seine Gefühle nicht anders ausdrücken als durch Brüllen.

Mit Drohungen wollte er für seine Bedürfnisse sorgen.

Gebracht hatte das nichts.

Wir Kinder waren ja selbst viel zu erschrocken, als das wir in irgendeiner Weise aufnahmefähig waren, geschweige denn in der Lage waren, die Botschaft hinter seinem Verhalten zu erkennen.

Wir waren ja noch Kinder.

Wenn die Erwachsenen nicht in guter Verbindung zu ihren Gefühlen und Bedürfnissen stehen, wie sollen es dann die Kinder können?

Oft wird aber genau das von Kindern erwartet.

Dabei wollen Kinder durchaus, dass es ihren Eltern gut geht.

Doch was wollen die Erwachsenen denn wirklich?

Das lässt Kinder oft orientierungslos zurück.

Wenn Eltern ihre Gefühle und Bedürfnisse auf eine Art und Weise mitteilen, die dem Kind weder Angst macht noch es herabsetzt, dann sind die Kinder offen.

Wie anders hätte der Konflikt im Vorzelt ausgehen können, wenn mein Vater dazu in der Lage gewesen wäre.

Das ist die Art von Kommunikation, die ich mir für meine Kinder gewünscht habe.

Das ist der Weg, den ich gegangen bin.

Und das ist der Grund, weswegen ich mit meinen Kindern Konflikte als eine wunderbare Chance sehe, sich zu verbinden – mit den Bedürfnissen von uns allen.

Geholfen hat mir dabei die Gewaltfreie Kommunikation.

Seit vielen Jahren ist die Gewaltfreie Kommunikation eine ganz wichtige Basis in meinem Leben.
 

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Dagmar

Dagmar Gericke von der Feeling Family®: Ich bin Mutter von vier Kindern im Alter zwischen 9 und 30 Jahren. Außerdem bin ich Kommunikationstrainerin, Theaterpädagogin und Elternbloggerin. Ich bin davon überzeugt, dass wir, indem wir uns selbst und unsere Familien heilen, auch unsere tief zerstrittene Welt heilen. Der Wandel beginnt immer bei uns selbst. Willst du mehr über mich wissen? Dann schaue hier: https://feelingfamily.com/about/