Wenn du dein Kind anschreist

Schreien ist nur das Symptom.

Schreien ist nur das Symptom.

„Wie? Schreien ist doch das Problem. Oder? Wenn ich nicht mehr schreie, wird doch alles gut. Oder? Und wenn mein Kind nicht mehr so brüllt, dann bin auch ich ruhiger.“

Das ist erstmal die naheliegende Lösung. Wenn du es schaffst, nicht mehr zu schreien, dann verschwinden viele Probleme. Gleichzeitig fällt es Menschen unglaublich schwer, genau dieses Verhalten nicht mehr zu zeigen. Du nimmst dir vor nicht mehr zu schreien. Dann kommt eins nach dem anderen an einem Tag – und zack –ein kleiner Auslöser wie ein umgekipptes Glas, reicht, dass dein Vorsatz nicht ausreicht. Du schreist. Du brüllst und fühlst dich dabei ganz schlecht. Wieder versagt, denkst du. Du wolltest das noch nicht mehr. Wie oft ist dir das schon passiert?

Egal ob du schreist oder ob dein Kind schreit. Der Schrei kommt, weil etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist. Weil etwas seinen Ausdruck sucht. Kinder reagieren noch sehr unmittelbar. Ihre Gefühle zu regulieren lernen sie erst noch.

Doch was ist mit dir, wenn du schreist?

  • Was ist da aus dem Gleichgewicht geraten, höchstwahrscheinlich auch schon länger?
  • Was ist es,  was dich so in Stress versetzt, dass du nicht mehr anders reagieren kannst als dein Kind anzuschreien.
  • Unter welchem Druck stehst du?
  • Und wie kommst du da raus?

Dein Kind jedenfalls ist nicht die Ursache und auch nicht das Problem. Es ist einfach der Auslöser für all das, was sich in dir angestaut hat.

Ich weiß noch selbst, wie es ist, so unter Stress zu stehen, dass ich mir scheinbare Entladung durch Schreien suchte. Und dann machte ich mir Vorwürfe, weil mir eine gewaltfreie Beziehung zu meinen Kindern so wichtig war. Und Schreien ist Gewalt.

Doch Vorwürfe und Schuldgefühle brachten mich nicht weiter. Auch nicht der Vorsatz, es anders zu machen. Scham und Schuld, von der gerade Mütter viel spüren, brachte mich auch nicht weiter.

Was mir geholfen hat, war mich wirklich mit den Ursachen zu beschäftigen und zugleich mir einen anderen Umgang mit meinen eigenen Gefühlen und Bedürfnissen zu erlauben. Es hat mir geholfen, meine Schatten kennenzulernen und sie zu akzeptieren. Meine Schatten, das sind all meine gespeicherten Erfahrungen von Kindheit an. Meine Verletzungen, meine Traumata und meine nicht erfüllten Bedürfnisse, die ich mir selbst kaum eingestand. Und es hat mir geholfen, die entsprechenden Werkzeuge für einen anderen Umgang mit den eigenen Gedanken und Gefühlen zu lernen.

Da Schreien einerseits die alltägliche Gewalt ist, der Kinder begegnen und es andererseits so tabuisiert ist, darüber zu sprechen, habe ich mich nicht nur privat, sondern auch immer mehr beruflich damit beschäftigt.

Ich habe viel über Aggression in der Eltern-Kind-Beziehung und über mich selbst dadurch gelernt.

Und ja, ich schreie meine Kindern nicht mehr an. Wir können diesen von Generation zu Generation weitergegebenen Verhaltensmodus auflösen.

Das ist so großartig. Und das kannst auch du!

  • Indem du die vollständige Verantwortung für dein Verhalten übernimmst, ohne dass du deswegen dich schuldig fühlst.
  • Indem du erkennst, dass deine Kindheit zwar mit zu deiner Lebenssituation geführt hat, du es aber in der Hand hast, wie du deine Gegenwart und damit deine Zukunft gestaltest.
  • Indem du wirklich alle deine Gefühle annimmst, auch die unangenehmen.
  • Und indem du diese Gefühle rechtzeitig wahrnimmst und sie ausdrückst, bevor der Druck in dir zu hoch ist.

Wenn du dich jetzt fragst, wie du das alles hinkriegen sollst, wenn dein Alltag doch sowieso schon so voll und anstrengen ist, dann stelle dir folgendes vor: Du bist Jahre später und dein Alltag ist noch genauso wie heute. Ist das eine angenehme Vorstellung? Dann gibt es keinen Anlass, in die Aktion zu kommen.

Wenn der Gedanke, in 5 Jahren ist der Alltag genauso herausfordernd und stressig wie heute, dann mache dir bewusst, dass das, was du heute tust, dein Leben von morgen bestimmt. Und es können viele kleine Mikroschritte sein, die du unternimmst. So, dass es machbar ist und doch dazu führt, dass du ein Leben mit deinen Kindern führst, was deinen Wünschen entspricht.

Und das bringt soviel mehr Frieden und Freude in dein Leben. Und damit auch in das Leben deiner Kinder.

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