“Was geschieht mit uns, wenn wir sterben?”, fragt mein Kind.

Mit Kindern über den Tod reden

“Wie sieht Nuga jetzt aus? Können wir mal nachschauen?“,
fragte mich meine kleine Tochter. Unsere Hündin war im letzten Sommer gestorben und seitdem beschäftigt das Thema Tod meine Kinder immer wieder.
Als mich meine kleine Tochter dies fragte, wollte ich reflexartig antworten: “Das macht man nicht. Damit stört man ja die Totenruhe.“
Doch ich biss mir schnell auf die Lippen und dachte nach. Weshalb machte mich die Vorstellung unruhig, das Hundegrab wieder zu öffnen? Unser Hund hätte bestimmt nichts dagegen. Und meine Tochter war einfach nur neugierig.
Was wird aus einem toten Wesen?
Wie verändert es sich mit der Zeit?
In mir spürte ich Traurigkeit bei dem Gedanken, unseren Hund, den ich so geliebt hatte, noch einmal zu sehen. Tot. Ich wollte diese Gefühle nicht wieder hochholen. So sagte ich das auch meiner Tochter. Das verstand sie.
Zugleich stellte sie mit ihrem unvoreingenommenen Umgang mit einem toten Wesen meinen Umgang mit dem Tod infrage. Für sie war nichts dabei, mal nachzuschauen. Denn den Tod fand sie faszinierend. Aber auf andere Art faszinierend als für mich.

Verstehst du den Tod?

Ich nämlich nicht.
Auch wenn ich im bereits häufig begegnet bin, kann ich nicht sagen, dass ich den Tod verstehe. Er ist mir ein Rätsel.
Woher kommen wir?
Wohin gehen wir?
Was geschieht mit uns?
Wie soll ich darauf meinen Kindern eine endgültige Antwort geben?
Deswegen: Es ist immer eine Annäherung, wenn ich mit meinen Kindern über den Tod spreche. Eine Annäherung von mir selbst mit dem Thema.
“Mama, ich möchte sterben”, sagt mein Sohn.
“Oh, und dann?” frage ich.
“Aber nur kurz”, antwortet er, “und dann wieder aufwachen. Ich will nur mal wissen, wie das ist, tot zu sein. Weißt du das?”
“Nein, das weiß ich auch nicht. Keiner weiß das sicher. Wir können nur etwas glauben, aber nicht wissen. Ich glaube, das die Lebensenergie, die in uns ist, nicht verloren geht, wenn wir sterben. Denn Energie bleibt erhalten, das ist Physik. Dann ist meine Energie vielleicht überall. Sowie die Luft, die wir atmen und die uns miteinander verbindet.”
“Das ist schön. Dann bleibst du immer bei mir”, seufzt mein Kind.
“Ja, dann bleibe ich immer bei dir”, bestätige ich.
Kinder werden mit dem Glauben an die eigene Unsterblichkeit geboren. In diesem Glauben bewegen sie sich in den ersten Lebensjahren. Das schützt sie. Mama und Papa, die sind da, die bleiben da.
Für ein Kleinkind ist es ganz schwer zu verstehen, dass ein Mensch, der stirbt, nicht mehr wiederkommt.
Doch dann erfahren sie die Sterblichkeit von uns Lebewesen. Manchmal durch ein Familienmitglied, was stirbt, manchmal durch ein geliebtes Haustier, was für immer geht. Oder es ist das tote Vögelchen, dass sie am Straßenrand finden und dem sie ein Grab bereiten wollen.

Irgendwann ist es da, das Thema Tod, das bei uns selbst soviel auslöst.

Soviel Schmerz.

Soviel Traurigkeit.

Soviel Lebendigkeit.

Meine ältere Tochter war acht, als mein Vater gestorben ist. Er ist Zuhause gestorben und kurz nach seinem Tod war unsere ganze Familie bei meiner Mutter in der Wohnung. Meine Tochter warf sich auf ihren toten Opa und weinte. Wir hatten viel Zeit zum Abschiednehmen, bevor der Bestatter den Körper meines Vaters abholte.
Meine Tochter hatte die Idee, einnen Hühnergott, das ist ein Stein mit einem Loch in der Mitte, zu spalten und daraus 2 Ketten zu machen. Eine Kette legte sie ihrem Opa ins Grab, die andere  gab sie mir. Diese Kette habe ich immer noch.
In den folgenden Monaten lernten sie viel darüber, was Trauer auslösen kann, denn für mich führte der Tod meines Vaters  zu einer Reise zu mir selbst ( darüber schreibe ich in Der Tod meines Vaters und die Reise ins Innerste meiner Kindheit).

Die Begegnung meiner Kinder mit dem Tod

Meine jüngeren Kinder begegneten dem Tod sehr schmerzhaft, als unsere Familienhündin Nuga starb. Auch sie starb nach langen Jahren bei uns zu Hause und wieder kam die ganze Familie zusammen, um sie zu betrauern. Wir saßen alle im Wohnzimmer um unseren toten Hund, mein Mann hatte Blumen aus dem Garten geholt und auf den abgemagerten Hundekörper gelegt, so dass unsere Hündin wie verzaubert aussah. Einer von uns begann den Namen unserer Hündin zu singen und wir alle stimmten ein. Wir würdigten sie so und gleichzeitig hat der Gesang etwas tröstliches. Der Gesang begleitete uns, bis sie begraben war.
Meine Kinder vermissen unsere Hündin immer noch, auch wenn wir wieder eine Hündin haben. Niemand kann ersetzt werden, kein Mensch, der geht, und auch kein Tier. Denn wir sind alle einzigartig und  mit  dem Tod geht die Einzigartigkeit dieses Lebewesens.
Seitdem ist der Tod in Gesprächen und im Gedenken immer wieder bei uns.

Hundert Jahre werden!

Bei einer abendlichen Gassirunde kamen wir am Friedhof vorbei. Meine Kinder wollten mal hinein. Warum nicht, dachte ich. Und so schauten wir uns die Gräber an…
Wie alt sind diese hier geworden und, oje, der Mann ist nur 21 Jahre alt geworden. Er ist noch nicht mal so alt wie der große Bruder geworden.

Und diese Frau ist am selben Tag geboren worden, wie ich, nur viele Jahre früher.

“Wo sind denn hier die Hundertjährigen?”, wollte mein Sohn wissen.
Wir suchten lange, fanden aber nur einen Mann, der mit 97 gestorben war. Mein Sohn war enttäuscht.
„Möchtest du Hundertjährige finden, damit du die Sicherheit hast, dass auch wir Hundert Jahre alt werden können?“, fragte ich meinen Sohn. Er nickte. Ich drückte ihn und versicherte ihm, dass ich mir Mühe geben werde, so alt zu werden wie ich kann.
Ich erzählte von den 2 Weltkriegen, die viele der Verstorbenen durchgemacht haben und das den Kriegen eine Hungerzeit folgte.

“Warum?”, wollten die Kinder wissen.
Während ich ihnen davon erzählte, gingen die Kinder durch die Reihen und betrachteten die Gräber mit ganz anderen Augen als zu Beginn unseres Besuches.

Hinter jedem dieser Gräber war ein Mensch mit seiner eigenen Geschichte. Und wir redeten über unsere eigene Sterblichkeit und wie wir mal begraben werden wollen. Ich erzählte ihnen, dass es in Deutschland sehr schöne Friedhöfe gäbe, die wie Parks oder gar Wälder wären, aber die wenigsten Leute sich trauen, auf einem Friedhof lebhaft oder gar fröhlich zu sein. Und dass es Länder gibt, wo das anders ist, wie zum Beispiel in Mexiko.
Als wir den Friedhof verliessen, war.die Sonne bereits untergegangen. Der Hund wartete am Ausgang. Die Kinder warfen sich sogleich wieder ins volle Leben.

Totentag in Mexiko

Der Dia de Muortos, der Tag der Toten, ist in Mexiko die größte Feierlichkeit überhaupt. An diesem Tag kehren nach ihrem Glauben die Toten zu den Lebenden zurück, um mit ihnen zu speisen und zu feiern. Der Ursprung des Festen geht auf alte indianische Rituale und auf die Atzteken zurück, für die die Toten weiterhin Familie gehören. Tod wird nur als ein Teil des Kontinuum des Lebens gesehen.
Das Fest geht über drei Tage. Am letzten Tag gehen die Menschen zu ihren Verstorbenen auf den Friedhof. Dort musizieren und tanzen sie und feiern den Tod sowie das Leben.
Der sehr sehenswerte Animationsfilm „Coco“ spielt in Mexiko während dieser Tage

Die Freundin meines ältesten Sohnes kommt aus Mexiko und schwärmt von dem Film und dem Dia de Muortos. Es ist die Seele Mexikos, die sich in diesen Tagen wiederspiegelt.

In der Verbindung zwischen Leben und Tod.

Denn der Tod ist ein Teil des Lebens. Kein Leben ohne Tod.

Klammern wir den Tod aus, verleugnen wir auch einen Teil unserer Lebendigkeit.

Kinder spüren diese Verbindung noch.
„Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen“
So steht es in einem Text aus dem Jahre 1080. Und so ist es auch heute.
Wenn wir der Vergänglichkeit im Leben mit unseren Kindern immer mal wieder nachspüren, ihr Raum geben, dann verliert der Tod das Unheimliche. Kinder nähern sich dem Tod auf ihre ganz eigene Weise, Schritt für Schritt. Wir brauchen ihnen bloß zu folgen und erfahren so selbst mehr über das Leben und den Tod, als wir heute ahnen.

Die Begegnung mit der Ewigkeit

An einem sanften Septemberabend verließ ich mit meiner Tochter gerade das Festivalgelände des Schulfreifestivals, um zu unserem Zelt zu gehen. Der Mond stand noch nicht am Himmel und so breitete sich ein grandioser Sternenhimmel über uns aus. Am Rande der Campingwiese stand ein altes Feuerwehrauto. Die Leiter des Feuerwehrautos war komplett ausgefahren und ragte in den Himmel hinein.

„Schau mal,“ sagte ich zu meiner Jüngsten, „wenn wir an der Leiter hochschauen, dann ist es, als würde sie direkt in den Himmel hineinführen.“
Wir hoben unseren Blick und folgten der Leiter, ganz still, sahen, wie sie im Sternenhimmel verschwand.

Da löste sich neben der Leiter im Himmel eine Sternschnuppe und verglühte in Sekundenschnelle.

„Eine Sternschnuppe!“ riefen wir gleichzeitig und lachten.
„Hast du dir was gewünscht?“, fragte mich meine Tochter.
„Ja, und du?“
„Ja, ich auch. Aber ich darf ja nicht sagen, was es ist.“
„Du brauchst es nicht sagen. Wenn du du deinen Wunsch weitertragen willst, dann kannst du natürlich sagen, was es ist, mein Herzenskind“, antwortete ich.
„Ich habe mir gewünscht, dass Nuga wieder lebt“, flüsterte meine Tochter.
„Ja, das wäre schön“, sagte ich und drückte sie ganz fest.
Dann gingen wir Hand in Hand zu unserem Zelt, schlüpften unter die Decke und sie kuschelte sich in meine Arme.

Buchtipp:

Wenn Kinder trauern*
Was sie fühlen
was sie fragen
was sie brauchen
Christine Fleck-Bohaumilitzky
Patmos Verlag
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