Muss die Pubertät wirklich so anstrengend sein?
Die Pubertät ist wahrscheinlich neben der Autonomiephase die Zeit, vor der sich viele Eltern am meisten fürchten.
Schon Jahre vorher hören sie Geschichten von knallenden Türen, patzigen Antworten, endlosen Diskussionen und Jugendlichen, die scheinbar über Nacht zu völlig anderen Menschen werden.
Und tatsächlich erleben viele Familien diese Jahre als sehr anstrengend. Eltern und Jugendliche geraten immer wieder aneinander, Gespräche eskalieren schneller und manchmal entsteht das Gefühl, dass plötzlich alles falsch ist, was man sagt.
Doch muss die Pubertät zwangsläufig so verlaufen?
Nein.
Die Pubertät kann auch eine sehr spannende, lebendige und durchaus entspannte Familienzeit sein.
Dabei geht es nicht darum, dass es keine Konflikte mehr gibt. Konflikte gehören zum Zusammenleben und zur Entwicklung dazu.
Es macht jedoch einen großen Unterschied, wie wir Eltern mit den Veränderungen umgehen, die unser Kind in dieser Zeit durchlebt.
Ich bin selbst Mama von vier Kindern. Zwei meiner Kinder sind bereits erwachsen, zwei befinden sich gerade mitten in der Pubertät. Ich erlebe diese Zeit weniger als herausfordernd, sondern vor allem als unglaublich spannend.
Denn langsam wird sichtbar, welcher erwachsene Mensch da vor mir heranwächst.
Interessen werden klarer, die eigene Persönlichkeit entwickelt sich noch einmal sehr stark und mein Kind beginnt, seine Flügel immer weiter auszubreiten.
Dein Kind verändert sich – und du dich hoffentlich auch
Die Pubertät ist eine Zeit großer Umbrüche. Die Jugendlichen sind keine kleinen Kinder mehr, aber auch noch nicht erwachsen. Sie befinden sich mitten in einem Entwicklungsprozess, der körperlich, emotional und sozial sehr fordernd sein kann.
Gleichzeitig verändert sich etwas Entscheidendes in der Beziehung zwischen Eltern und Kind: Die Autonomie wird immer wichtiger.
Natürlich war Autonomie auch vorher schon ein Thema. Wir kennen das besonders aus der Autonomiephase, wenn ein zweijähriges Kind alles allein machen möchte und auf fast jeden Vorschlag mit einem energischen „Nein!“ antwortet.
Vor der Pubertät ist jedoch die Bindung an die Eltern häufig noch stärker als der Wunsch nach Eigenständigkeit.
Nach einem heftigen Streit kommen jüngere Kinder oft von sich aus wieder auf ihre Eltern zu. Manchmal sagen sie sogar: „Alles gut, Mama“, obwohl eigentlich die Mutter oder der Vater für die Versöhnung verantwortlich wäre.
Kinder möchten wieder Wärme und Nähe spüren. Dafür stellen sie ihre eigene Position manchmal zurück und opfern einen Teil ihrer Autonomie.
In der Pubertät verändert sich dieses Verhältnis. Die Bindung bleibt wichtig, doch das Bedürfnis nach Selbstbestimmung bekommt ein größeres Gewicht.
Wenn Eltern in der Entwicklungsgeschwindigkeit ihres Kindes nicht mitkommen und weiterhin auf die gleichen Mittel setzen wie in den Jahren davor, kann das zu starken Konflikten führen.
Der Jugendliche schützt dann seine Autonomie und nimmt dafür möglicherweise sogar Distanz zu seinen Eltern in Kauf.
Deshalb entwickeln sich in der Pubertät nicht nur unsere Kinder weiter. Auch wir Eltern haben einen Entwicklungsauftrag. Eigentlich begleitet uns dieser Auftrag durch die gesamte Kindheit: Mit jeder neuen Entwicklungsstufe unseres Kindes muss sich auch unsere Rolle verändern.
Was bei einem sechsjährigen Kind noch passend war, kann sich bei einem Vierzehnjährigen übergriffig oder kontrollierend anfühlen. Konflikte entstehen häufig dort, wo sich einer weiterentwickelt und der andere an alten Rollen festhält. Das kennen wir auch aus Paarbeziehungen. In der Beziehung zwischen Eltern und Kindern ist es nicht anders.

Dein Teenager nimmt nicht automatisch eine Gegenposition ein
Manchmal wird über Jugendliche gesprochen, als würden sie morgens aufstehen und überlegen: „Wie kann ich heute möglichst wirkungsvoll gegen meine Eltern sein?“
Das entspricht nicht der Realität.
Jugendliche entwickeln eigene Ansichten, eigene Werte und Interessen. Diese können sich stark von denen ihrer Eltern unterscheiden. Sie brauchen diese Auseinandersetzung, um herauszufinden, wer sie sind und wie sie leben möchten.
Es gibt natürlich Dinge, auf die wir Eltern wenig oder gar keinen Einfluss haben. Die Gruppe der Gleichaltrigen wird sehr wichtig. Auch Erlebnisse in der Schule, Freundschaften, Ausgrenzung, erste Beziehungen und Enttäuschungen wirken stark auf die Jugendlichen ein.
Umso wichtiger ist es, dass wir weiterhin ein sicherer Rückhalt bleiben.
Unser Zuhause sollte ein Ort sein, an dem unser Kind erzählen kann, was es beschäftigt, ohne sofort analysiert, bewertet oder verbessert zu werden.
Das klingt einfach. Im Alltag ist es oft deutlich schwieriger.
Denn natürlich haben wir eine Meinung zu dem, was unser Kind erzählt. Wir haben Sorgen, Erfahrungen und Vorstellungen davon, was richtig oder falsch ist.
Entscheidend ist, dass wir diese Meinung nicht bei jeder Gelegenheit sofort herausknallen.

Zuhören, auch wenn dir die Meinung deines Kindes nicht gefällt
Stell dir vor, dein Kind entscheidet sich in der Pubertät dafür, vegan zu leben. Du selbst hältst davon vielleicht wenig und machst dir Sorgen, ob es ausreichend versorgt ist.
Es kann genauso umgekehrt sein: Die Eltern leben vegan und der Jugendliche erklärt, dass er das komplett ablehnt und Fleisch essen möchte.
Schon an diesem Thema können große Konflikte entstehen. Nicht allein durch die unterschiedlichen Einstellungen, sondern durch die Art, wie darüber gesprochen wird.
Bewerten wir die Haltung unseres Kindes sofort, fühlt es sich nicht ernst genommen. Dann geht es im Gespräch irgendwann kaum noch um Ernährung, sondern um Selbstbestimmung, Anerkennung und Respekt.
Wir können nachfragen:
„Was ist dir daran wichtig?“
„Wie bist du zu dieser Entscheidung gekommen?“
„Was überzeugt dich daran?“
Damit stimmen wir der Entscheidung nicht automatisch zu. Wir zeigen unserem Kind, dass uns seine Gedanken interessieren. Erst wenn sich ein Mensch gehört fühlt, ist er meist auch bereit, einer anderen Perspektive zuzuhören.
Jugendliche werden ohnehin sehr häufig bewertet. In Zeitungsartikeln, sozialen Netzwerken und Kommentarspalten wird ständig über „die Jugend von heute“ gelästert. Sie seien faul, unhöflich, handysüchtig, unmotiviert und würden nichts mehr aushalten.
Solche Bewertungen fühlen sich für jeden Menschen unangenehm an. Für Jugendliche, die ihren eigenen Platz erst noch finden müssen, können sie besonders verletzend sein.
Leider kommen diese Urteile oft auch von den eigenen Eltern:
„Du könntest so viel leisten, wenn du nicht so faul wärst.“
„Jetzt beweg dich doch endlich mal.“
„Hock nicht ständig in deinem Zimmer herum.“
„Immer bist du am Handy.“
„Das ist doch alles nur Blödsinn, was du dir da anschaust.“
Diese Sätze rutschen Eltern schnell heraus, vor allem wenn sie sich Sorgen machen. Doch sie erreichen selten das, was sich die Eltern erhoffen.
Ein Jugendlicher bekommt durch den Satz „Hock nicht immer in deinem Zimmer“ gewöhnlich keine große Lust, fröhlich herauszukommen und einen ausgedehnten Familienausflug vorzuschlagen.
Er fühlt sich kritisiert und zieht sich eher noch weiter zurück.
Werde zu einer Einladung
Du darfst deinem Kind sagen, was du dir wünschst. Du darfst deine Werte vertreten und zeigen, was dir wichtig ist. Der Unterschied liegt in der Art, wie du es tust.
Du könntest zum Beispiel sagen:
„Ich bin gerade gern draußen und würde mich freuen, Zeit mit dir zu verbringen. Magst du mitkommen?“
Damit wirst du zu einer Einladung. Du machst das Verhalten deines Kindes nicht schlecht und sagst gleichzeitig ehrlich, was du möchtest.
Vielleicht kommt dein Teenager mit. Vielleicht auch nicht. Eine Einladung beinhaltet immer die Möglichkeit, Nein zu sagen.
Genau das ist für Jugendliche wichtig, weil ihre Autonomie dadurch gewahrt bleibt.
Wenn Jugendliche spüren, dass ihre Entscheidungen nicht permanent kommentiert und abgewertet werden, entsteht wieder mehr Offenheit.
Sie möchten weiterhin die Erfahrung machen: So, wie ich bin, bin ich okay. Ich darf unsicher sein, Dinge ausprobieren, meine Meinung ändern und Fehler machen, ohne dadurch meine Zugehörigkeit zu verlieren.
Ein stabiler Selbstwert gehört zu den psychischen Grundbedürfnissen eines Menschen. Wir Eltern haben großen Einfluss darauf, ob unser Kind sich mit seinen Gedanken, Interessen und Eigenheiten bei uns sicher fühlt.
Achte einmal bewusst darauf, wie viele Bewertungen sich in die Gespräche mit deinem Teenager einschleichen. Oft stecken dahinter wichtige Werte und nachvollziehbare Sorgen. Das Problem sind nicht die Werte. Problematisch wird es, wenn wir versuchen, sie durch Druck, Beschämung oder Abwertung durchzusetzen.

Lebe deine Werte, statt sie ständig einzufordern
Ein wichtiger Wert in meinem Leben ist der Umgang mit Produkten aus Tierhaltung. Wenn ich tierische Produkte kaufe, dann achte ich darauf, dass sie aus biologischer Haltung stammen. Produkte aus Massentierhaltung möchte ich nicht kaufen.
Das sage ich auch meinen Kindern. Wenn sie selbst etwas anderes kaufen, bewerte ich sie dafür jedoch nicht. Ich bleibe bei meiner eigenen Entscheidung und lebe diesen Wert konsequent vor.
Im Laufe der Zeit haben meine Kinder selbst eine ähnliche Haltung entwickelt. Das geschah nicht durch Zwang oder dadurch, dass ich ihre zwischenzeitlich anderen Entscheidungen schlechtgemacht habe. Sie haben erlebt, dass dieser Wert für mich wirklich Bedeutung hat.
Jugendliche prüfen sehr genau, ob unsere Worte und unser Verhalten zusammenpassen.
Das zeigt sich auch beim Thema Alkohol oder anderen Drogen. Lehnen Eltern den Alkoholkonsum ihres siebzehnjährigen Kindes strikt ab, trinken selbst aber regelmäßig und unreflektiert, fällt Jugendlichen die Doppelmoral schnell auf.
Auch hier dürfen wir ehrlich sein. Ein Elternteil kann zum Beispiel sagen, dass er selbst einen widersprüchlichen Umgang mit Alkohol hat und darüber nachdenkt. Jugendliche können mit inneren Konflikten umgehen, wenn wir offen dazu stehen.
Schwierig wird es, wenn wir für sie Regeln aufstellen, die wir selbst nicht ernst nehmen.
Ähnlich ist es mit Höflichkeit und Dankbarkeit. Viele Eltern wünschen sich höfliche und dankbare Jugendliche.
Die spannende Frage lautet: Wie höflich sprechen wir mit unseren Jugendlichen? Bedanken wir uns bei ihnen? Zeigen wir ihnen und anderen Menschen gegenüber Wertschätzung?
Unsere Werte werden vor allem durch unser Verhalten sichtbar. Dadurch geben wir Orientierung.
Interessiere dich für die Welt deines Kindes
Wenn wir weniger bewerten, entsteht Raum für Neugier.
Viele Jugendliche beschäftigen sich intensiv mit Dingen, die ihre Eltern nicht besonders interessieren. Manche verbringen viel Zeit mit Computerspielen, andere mit bestimmten Serien, Musikrichtungen, Sportarten, sozialen Netzwerken oder einer Gruppe, mit der die Eltern wenig anfangen können.
Eltern lehnen solche Interessen manchmal vorschnell ab. Der Jugendliche merkt das und hört auf, davon zu erzählen.
Das ist schade, denn damit schließt sich eine wichtige Tür zur Welt des Kindes.
Du musst Computerspiele nicht selbst großartig finden. Du kannst trotzdem versuchen zu verstehen, was dein Kind daran fasziniert. Setz dich vielleicht einmal dazu oder spiele sogar eine Runde mit.
Du könntest fragen:
„Was gefällt dir an diesem Spiel?“
„Was ist gerade dein Ziel?“
„Wie funktioniert das eigentlich?“
Vielleicht hält dein Kind dir anschließend einen zwanzigminütigen Vortrag über Spielfiguren, Level und Strategien, von denen du nur die Hälfte verstehst. Trotzdem hast du etwas Wichtiges getan: Du hast Interesse an seiner Welt gezeigt.
Diese Offenheit ist auch dann entscheidend, wenn etwas schiefläuft. Jugendliche erzählen eher von unangenehmen Erfahrungen, Konflikten oder Problemen, wenn sie darauf vertrauen können, dass ihre Eltern nicht sofort urteilen, schimpfen oder einen Vortrag halten.
Ungefragte Ratschläge schaffen Abstand
„Ratschläge können auch Schläge sein“ – dieser Satz trifft besonders auf die Pubertät zu.
Jugendliche wollen ihren eigenen Weg finden. Das bedeutet keineswegs, dass sie unseren Rat grundsätzlich ablehnen. Sie möchten jedoch selbst entscheiden, wann sie ihn brauchen.
Ein ungefragter Ratschlag kann beim Kind als Botschaft ankommen: „Ich traue dir nicht zu, dass du selbst eine Lösung findest.“
Wenn dein Kind von einem Problem erzählt, hilft es häufig mehr, zunächst zuzuhören und Fragen zu stellen:
„Was möchtest du jetzt tun?“
„Welche Möglichkeiten siehst du?“
„Was würde dir helfen?“
So unterstützt du dein Kind dabei, eine eigene Lösung zu entwickeln.
Hast du eine Idee, darfst du sie selbstverständlich einbringen. Frag vorher:
„Ich habe dazu einen Gedanken. Möchtest du ihn hören?“
Mit dieser kleinen Frage respektierst du die Autonomie deines Jugendlichen. Gleichzeitig bleibt ihr im Gespräch.

Schafft weiterhin schöne gemeinsame Erlebnisse
Neben guten Gesprächen braucht die Beziehung auch positive gemeinsame Erfahrungen. Im Alltag dreht sich sonst schnell alles um Schule, Zimmer, Mithilfe, Medienzeiten und Termine.
Überlege, was euch beiden Freude macht. Vielleicht geht ihr gemeinsam essen, schaut eine Serie, fahrt Fahrrad, hört Musik im Auto oder trinkt abends noch einen Tee zusammen.
Dabei können auch die fünf Sprachen der Liebe hilfreich sein. Vielleicht hat sich die Liebessprache deines Kindes verändert. Ein Kind, das früher ständig kuscheln wollte, mag körperliche Nähe in der Pubertät möglicherweise nur noch selten. Dafür freut es sich vielleicht über gemeinsame Zeit, kleine Aufmerksamkeiten, Unterstützung oder anerkennende Worte.
👉 Hier erfährst du mehr über die 5 Liebessprachen deines Kindes.
Große Kinder zu haben, ist ein unglaubliches Geschenk. Langsam wird aus der Raupe ein Schmetterling, der seine Flügel ausbreitet und sich auf den Weg in sein eigenes Leben macht.
Wenn wir diesen Prozess begleiten, ohne die Flügel festzuhalten, kann die Beziehung lebendig und nah bleiben. Unser Kind wird sich auch mit schwierigen Fragen und Problemen an uns wenden, wenn es erlebt, dass wir wirklich zuhören, seine Entwicklung respektieren und weiterhin verlässlich an seiner Seite stehen.
Die Pubertät muss kein Horror sein. Sie ist eine Einladung, dein Kind noch einmal ganz neu kennenzulernen – und auch dich selbst als Mutter oder Vater weiterzuentwickeln.
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