“Nicht mein Baby, sondern meine Umgebung fremdelt!”

“Nicht mein Baby, sondern meine Umgebung fremdelt!”

Wir waren vor ein paar Tagen aus Bali zurückgekommen und saßen bei baliwarmen Temperaturen im Garten.
Meine mitgereiste Freundin und Mutter eines fünf Monate alten Babys erzählte von ihrem gestrigen Besuch in einer Therme und wie sehr sie sich dort haltende helfende Hände für ihr Baby gewünscht hatte, so, wie es sie in Bali oft gab.

In Bali lieben die Menschen es, ein Baby auf dem Arm zu nehmen. Die kleinen Menschen sind einfach willkommen und die Mutter eines Babys ebenso. Die Balinesen begegnen den Kindern mit einer Engelsgeduld und mit viel körperlicher Nähe. Berührungsangst mit fremden Kleinkindern kennen sie nicht.
Und meine Freundin gewöhnte sich daran und lernte es zu schätzen, dass es für balinesische Menschen, ob Mann oder Frau, normal ist, ihr Baby zu halten.

„Auch die javanische Mutter trägt ihr Kind nicht ununterbrochen, dennoch wird das Kind ständig getragen: durch die vielen Hände einer Großfamilie und einer Gesellschaft, die zupackt, wenn es um Kinder geht. Betritt man in Indonesien mit einem Kind auf dem Arm ein Geschäft, strecken sich sofort viele Hände aus, um das Kind zu halten, weil es eine ‘beglückende, Tätigkeit ist.“
(Dr. v. Loh, Zeitschrift für Sozialpädiatrie, 6’95, S.334)

In der Therme in Ludwigsfelde fehlten diese Ach-gib-mir-ruhig-dein-Baby-für-einen-Moment-Arme. Wieder alleine als Mutter, und das mit diesem wunderbaren zuckersüßen Baby und den lebhaften Geschwistern. Deren Mutter aber trotzdem froh ist, wenn sie das zuckersüße Baby für einen Moment teilen kann, um ihre Arme auszustrecken, oder entspannt um an der Kasse bezahlen zu können oder auch, um dem älteren Bruder etwas zu geben.

“Ich wäre jetzt bereit gewesen, aber meine Umgebung war es nicht”, seufzte sie, “Nicht mein Baby, sondern meine Umgebung fremdelt!”

Eine Willkommenskultur für Kinder entwickeln

Ich war mit meinen Kindern schon in vielen Ländern, in denen Menschen selbstverständlich Kontakt zu Kindern aufnehmen, die nicht zur Familie gehören. Wie sehr habe ich es in südlichen Ländern genossen, dass die Kellner im Restaurant gerne meine Kinder beschäftigt haben.

Ich schob gerade meine kleine Tochter im Buggy durch Manavgat, als ich dringend auf Toilette musste und eine Bedienung in einem Burgerimbiss fragte, ob sie kurz auf meine schlafende Tochter aufpassen könnte, während ich auf der Toilette bin. Als ich wieder herauskam, stand die gesamte Belegschaft von 8 Frauen und Männern um den Buggy mit meiner schlafenden Tochter herum und sie versicherten sich gegenseitig, wie süß die Kleine sei. Ich verabschiedete mich mit einem Lächeln.

Leider steckt in vielen von uns tief verwurzelt die Ansicht, dass eine gute Mutter sich am besten nur selbst um ihr Baby kümmert, rund um die Uhr und ausschließlich. So verstreicht manche Chance, ein wenig mehr Entlastung zu haben, ungenutzt. Es kann aber Erleichterung im Alltag geben, die Angebote von anderen wahrzunehmen oder auch nach Hilfe zu fragen. Die meisten freuen sich, mal ein Baby zu halten zu dürfen, wenn wir sie fragen.

Als ich mit meiner damals ca. 12 Wochen alten Tochter Julika in einem arabischen Imbiss einen Falafel essen wollte, fragte mich der Araber in dem Imbiss, ob er sie nehmen soll, solange ich esse. Reflexartig wollte ich schon sagen: „Nein, danke, es geht schon”, da sah ich seine ausgestreckten Arme und seine sehnsüchtigen Augen. In dem Moment wurde mir klar, dass er sie gerne halten wollte, und ich gab sie ihm in den Arm. Ich aß in Ruhe meinen Falafel und er zeigte Julika den ganzen Imbiss. Als ich mich später mit ihm darüber unterhielt, sagte er, seine Kinder sind jetzt schon groß, aber er hat auch gerne mal wieder ein Baby im Arm.
„Ihr habt die ganze Arbeit, das Weinen, die Windeln”, meinte er, ,,ich habe nur die Sahne, ein paar schöne Momente.”

Wie schön wäre es, wenn wir nicht in ferne Länder fahren brauchen, um diese Alltagsunterstützung zu erfahren.

Der erste Schritt dafür findet in uns selbst statt, in unserer Bereitschaft, anderen Menschen zu vertrauen.
Ja, sie können das, ein Baby halten. Und auch ja, ein Baby signalisiert mir, wenn ihm etwas unangenehm ist, ebenso wie es zeigt, wenn es anderen Menschen vertraut.
Manchmal braucht es die Begegnung mit einer anderen Kultur, um unsere Ängste ablegen zu können. Doch wenn wir es schaffen, bereichert unser Vertrauen nicht nur uns, sondern auch unser Baby und die Menschen, die es halten dürfen.

Ich durfte das Baby meiner Freundin schon oft tragen. Ich freue mich, den Kleinen zu sehen und besonders berührt es mich, dass er mich erkennt, wenn wir uns sehen. Es ist schön, auch mit anderen Kindern eine Bindung aufzubauen, die nicht die eigenen sind.

Der zweite Schritt ist für alle, die gerade kein Baby oder Kleinkind dabei und also freie Arme haben.

Bietet eure Hilfe an: “Ich kann dein Baby halten, wenn du magst. Ich mache das gerne.”

Oft werden die Mütter überrascht verneinen. Sie kennen das ja kaum. Aber ab und an wird eine Mutter dankbar das Angebot annehmen. Und vielleicht später ebenso handeln.
Wenn ein Kleinkind weint, können wir zu ihm gehen und mit ihm in Verbindung gehen, durch Worte oder Handlung.
Ja, das erfordert Mut, aber so kompliziert ist es nicht.

Ich schreibe den Text gerade in der Bibliothek. Vor einer halben Stunde weinte im Gang neben mir ein Kleinkind. Ein weinendes Kleinkind in der Bibliothek erregt ziemlich viel Aufmerksamkeit. Die Mutter versuchte es zu beruhigen. Ich ging zu dem Kind, was auf dem Arm der Mutter war und sagte: “Du kannst hier weinen, das ist okay. Willst du auch gerne die Bücher rausziehen?” Das Kind hörte gleich auf zu weinen, schaute mich mit großen Augen an und reichte mir den Bleistift, den es in der Hand hielt. Ich setzte mich mit dem Kind auf dem Boden und gab ihm meine Bücher. Wir reichten eine Weile die Bücher hin und her. Die Mutter suchte die Bücher raus, die sie brauchte, dann bedankte sie sich bei mir und ging mit ihrem Kind.



 

Ganz ehrlich, auch mich kostet es einen Moment der Überwindung, in die Aktion zu kommen. Weil in mir ja noch die Glaubenssätze stecken: “Das ist doch nicht deine Angelegenheit” und “Was kann ich da schon machen” oder „Vielleicht finden die Eltern das blöd.“

Aber ich weiß inzwischen, dass es wunderbar mit völlig fremden Kindern gehen kann, mit ihnen einen Moment der Verbindung entstehen lassen zu können. Und dass es auch völlig okay ist, wenn die Eltern die Hilfe ablehnen oder auch, wenn das Kind nicht will. Es ist ein Versuch, ein Beitrag, unsere Welt ein Stück liebevoller für Kinder zu machen. Der braucht nicht jedes Mal klappen. Aber ich möchte einfach nicht mehr danebenstehen und traurig darüber sein, dass kleine Kinder hier nicht so willkommen sind.

Lasst uns statt einer fremdelnden Gesellschaft zu einer zugewandten Gesellschaft werden.

 

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