Lass mich so sein, wie ich bin

Dein Kind braucht nicht passend gemacht werden – es ist richtig, so wie es ist.

 

Der Schularztuntersuchung bei meinem mittleren Kind vor einigen Jahren sah ich mit Nervosität entgegen. Er wäre zum Zeitpunkt der Einschulung noch recht jung gewesen, denn Berlin hatte als Stichtag den 31.12.

Wir wollten ihn zurückstellen lassen – und so hing für uns einiges davon ab.

Doch mein Sohn bekam ziemlich komplikationslos die Rückstellung. Er sollte geographische Formen malen. Begeistert nahm er einen Buntstift, denn er malte gerne. So wie immer hielt er den Stift mit der Faust statt wie die meisten in dem Alter bereits mit Zeigefinger und Daumen. Der Schularzt beobachtete das und die Rückstellung war da.

Ich freute mich und dachte bei mir: “Wie gut, dass er ihm keine Rechenaufgabe gestellt hatte.”

Mein Sohn rechnete aus eigenem Antrieb bereits seit Jahren begeistert und konnte Aufgaben beantworten, die eher dem Stoff der dritten Klasse zuzuordnen war als dem der Vorschule.

Ein Jahr später kam mein Sohn auf eine Freie Alternativschule, bei der Kinder sich individuell und in ihrem eigenen Tempo entwickeln können. Seine Handhaltung beim Schreiben war nie ein Thema.

Und sie veränderte sich. Jetzt hält er den Stift wie die meisten Kinder, ohne Ergotherapie und dass ihm irgendjemand das Gefühl gegeben hat, dass, was er da mit seiner Hand und dem Stift macht, wäre nicht richtig. Seine Freude am Malen ist so nie verloren gegangen.

An vielen Schulen wäre es anders gewesen. Durch seine langsameren Mal- und Schreibbewegungen hätte – so wäre es mir wahrscheinlich mitgeteilt worden – Förderbedarf bestanden.

Doch bekommt so ein Kind die Gewissheit, dass es so, wie es ist, okay ist?

Dass nichts Falsches an ihm ist und dass es sich in seinem Tempo entwickeln darf?

Viel zu oft geht es im Leben von Kindern darum, dass sie für die Gesellschaft passend gemacht werden sollen. Es soll ja schließlich später im Leben klarkommen.

Doch ein Kind lebt in der Gegenwart. Es will sich jetzt richtig und gut und angenommen fühlen.

Wertvoll.

Egal, was es für vermeintliche Schwächen hat. Denn die Einteilung, was eine Schwäche ist, entsteht ja durch die Bewertung anderer. Ein Kind fühlt sich erst mal völlig richtig, so, wie es ist.
Es hat von Geburt an ein positives Selbstbild.

Und meine Aufgabe als Mutter sehe ich auch darin, ihm diese Gewissheit, richtig zu sein, möglichst lange zu erhalten.

Und um das wirklich leisten zu können, mache ich mir immer wieder bewusst, wo Bewertungen in mir noch wirken. Denn ich bin auch in dieser Gesellschaft sozialisiert worden, in der es normal ist, Kinder von klein auf zu bewerten.

Ich erinnere mich noch, wie wissbegierig ich in die Schule gekommen bin. Zu meiner Grundschulzeit wurde noch die Handschrift benotet. Ich hatte eine Handschrift, die nicht der Norm entsprach. Sie war zwar durchaus gut lesbar, aber ich hielt mich kaum an vorgegeben Linien.

Es war damals frustrierend für mich, dass meine Noten mit einem Hinweis auf die Handschrift abgewertet wurden und auch auf dem Zeugnis immer eine 5 oder 6 bei Handschrift prangte. Dabei gab ich mir wirklich Mühe. Meine Eltern schickten mich sogar eine Zeitlang zu einer Psychologin zum Üben. Hat nichts gebracht.

Noch heute neige ich dazu, wenn ich für jemanden etwas aufschreibe, mich für meine Handschrift zu entschuldigen: “Ich habe eine totale Sauklaue.”

Um wieviel freier hätte ich mich als Kind gefühlt, wenn meine Schrift einfach so angenommen wurde wie sie war.

Die Bewertungen, denen Kinder ausgesetzt sind, hinterlassen Spuren. Die Bewertungen, denen wir selbst ausgesetzt waren, haben Spuren in uns hinterlassen. Wenn wir sie uns bewusst machen, können wir uns ein Stück weit davon lösen. Dann können wir unseren Kindern wertfreier begegnen und ihnen dass mitgeben, was sie sind: Unendlich wertvolle Menschen, egal was sie tun, machen oder lassen.

Das bedeutet nicht, dein Kind allein zu lassen, wenn es Hilfe oder Unterstützung braucht. Es heißt auch nicht, alles laufen zu lassen, wenn ich sehe, dass mein Kind in einem Bereich Schwierigkeiten hat.

Doch entscheidend ist, dass das Kind in Schwierigkeiten ist und es sein eigener Leidensdruck ist. Nicht der Leidensdruck der anderen.  Wenn es sprachlich weit hinter anderen Kindern ist und im seinen Verhalten durch Aggressionen oder Rückzug zeigt, braucht mein Kind meine und eventuell fachliche Unterstützung.

Und solange dass mit dem Bewusstsein geschieht: “Ich begleite ich dabei, das zu entwickeln, was du brauchst und was du dir wünschst”, und nicht aus einem Defizitgedanken, kann sich das Kind weiterhin angenommen und wertvoll fühlen. Richtig.

Und das ist etwas, was Kinder lieben zu hören: “So wie du bist, bist du genau richtig.”

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Der Onlinekurs:

Konflikte mit Kindern entspannter und leichter lösen

Das Leben mit Kindern könnte so wunderbar sein, wenn nur diese Auseinandersetzungen nicht wären…

Wut auf beiden Seiten, Stress, Ratlosigkeit – und der Wunsch, dass es anders laufen möge – begleitet viele Familien über Jahre.

Wie wir Konflikte respektvoll und auf Augenhöhe lösen, haben wir in der Regel weder in unserer Herkunftsfamilie noch in der Schule gelernt. Kein Wunder also, dass viele Eltern da genauso Lernende sind wie ihre Kinder.

Auch mich beschäftigt das Thema achtsame Kommunikation und konstruktive Konfliktbewältigung, seitdem ich Kinder habe. Denn ich war und bin überzeugt, dass wir den so dringend notwendigen Wandel in unserer Welt, von der die eigene Familie ein Teil ist, nur schaffen, wenn wir bei uns selbst anfangen. Und der Weg, den die Generationen vor uns gegangen sind, erschien mir in keinster Weise erstrebenswert.

Heute weiß ich, dass es geht und dass ich es lebe, dieses entspannte Familienleben voll beglückender Momente. Ja, da gibt es auch Konflikte. Doch an Konflikten dürfen wir wachsen, wenn wir sie als Wachstumschance begreifen und im Konflikt das liebevolle Miteinander – auch mit uns selbst – nicht verlieren.

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