So vermeidest du einen Machtkampf mit deinem Kind
“Wie schaffe ich es, dass mein Sohn nicht immer seinen Willen bekommt, wenn ich nicht schimpfe?”
Das war die Frage von einer Leserin – und ich will sie hier einfach mal beantworten.
Vielleicht kennst du das: Du bist fest entschlossen, ruhig zu bleiben – kein Schimpfen, keine Wutausbrüche. Das hast du dir geschworen.
Und dann kommt er doch, dieser Moment, in dem du das Gefühl hast, dein Kind setzt sich durch, du gibst nach – und es kocht in dir.
Und du fragst dich: „Wenn ich nicht schimpfe, bedeutet das dann, dass ich nachgebe?“
Wenn das deine Frage ist – lies weiter! Denn in diesem Artikel sprechen wir darüber, wie du deinen Standpunkt vertreten kannst, ohne das Gefühl zu haben, den Kürzeren zu ziehen, und wie du Lösungen findest, die für euch beide passen.
Aber kurz zu mir:
Ich bin Dagmar Gericke – Elterncoach, Kommunikationstrainerin, Theaterpädagogin und Mama von vier Kindern. In diesem Blog helfe ich dir dabei, deinen Alltag ohne Schimpfen mit deinen Kindern entspannter und freudiger zu gestalten – und deine Kinder besser zu verstehen.
Was bedeutet „Nachgeben“ eigentlich?
Lass uns mal einen Schritt zurückgehen und uns diese Frage stellen.
Ganz viele von uns haben gelernt, dass – wenn das Kind am Ende bekommt, was es will – wir irgendwie verloren haben.
Aber woher kommt dieses Gefühl?
Oft stammt es aus unserer eigenen Kindheit. Wir haben vielleicht erlebt, dass Autoritätspersonen immer das letzte Wort hatten. Und das hieß: Wer nachgibt, hat verloren.
Das ist auch Teil unserer ganzen Wettbewerbskultur. Und es ist ganz wichtig, dass du dir bewusst machst, dass diese Vorstellung tief in uns verankert ist.
Schon allein der Gedanke, nachzugeben, kann in dir Ärger auslösen – dieses Gefühl: „Ich habe verloren.“
Doch Nachgeben muss nicht bedeuten, schwach zu sein.
Es bedeutet vielmehr, dass du Situationen neu bewertest und flexibel bleibst – ohne deine eigenen Bedürfnisse zu übergehen.
Beispiel: Die Bettgehzeit
Stell dir vor, dein Sohn möchte noch eine halbe Stunde länger wach bleiben.
Du hast aber den Plan, dass er jetzt ins Bett geht.
Du merkst, dass du kurz davor bist zu schimpfen – oder nachzugeben, nur um die Situation zu beruhigen.
Stattdessen frag dich: „Warum fühle ich mich gerade, als würde ich nachgeben, wenn er wach bleibt?“
Vielleicht hast du gelernt, dass Autorität heißt: Entscheidungen müssen strikt eingehalten werden.
Aber bedeutet das wirklich, dass du die Kontrolle verlierst, wenn du offen bist, etwas Neues auszuprobieren?
Wir sehen solche Situationen oft als Machtkampf: Wer setzt sich durch – das Kind oder ich?
Aber wenn wir sie als Kampf betrachten, haben wir eigentlich schon verloren.
Und zwar alle.
Denn wir verlieren leicht den Blick auf das eigentliche Ziel: eine Lösung zu finden, die für beide Seiten funktioniert.
Bedürfnisse statt Machtkampf
Jede Situation und jeder Tag ist anders.
Deshalb dürfen wir Situationen neu bewerten.
Statt in einen Machtkampf zu gehen, ist es wichtig, den Fokus auf die Bedürfnisse aller Beteiligten zu legen:
Was brauchst du?
Was braucht dein Kind?
Es geht nicht darum, dass einer gewinnt und der andere verliert – sondern darum, eine Lösung zu finden, die für beide akzeptabel ist.
Die großen Pädagogen – Jesper Juul und Ross Greene – sprechen häufig von der Notwendigkeit, die Bedürfnisse der Kinder ernst zu nehmen, aber auch die der Eltern.
Friedvolle Elternschaft basiert auf gegenseitigem Respekt und dem Wunsch, dass beide Seiten Gehör finden.
Und da dürfen wir auch mal das, was wir von früher im Kopf haben – unsere Glaubenssätze – , beiseite schieben.
Gleichzeitig macht es es für uns d – wenn wir auf der bindungsorientierten Seite unterwegs sind – manchmal schwer.
Denn dann neigen wir eher dazu, nachzugeben, obwohl wir uns damit gar nicht wohlfühlen.
In der Situation mit der Bettzeit könnte das zum Beispiel heißen:
„Hey, ich verstehe, dass du noch nicht müde bist und länger wach bleiben möchtest. Gleichzeitig weiß ich, dass du morgen früh fit sein musst, weil wir früh aufstehen. Was denkst du – was wäre eine Lösung, die für uns beide passt?“
Vielleicht schlägt er etwas vor, vielleicht du.
Zum Beispiel: Er darf sich im Bett noch ein Buch anschauen oder eine Geschichte hören.
Oder du merkst, dass ihr die Schlafenszeit generell neu anpassen müsst, weil sich dein Kind gerade entwickelt und weniger Schlaf braucht.
Gefühle halten – nicht bekämpfen
Jetzt kommt der Punkt, der vielen schwerfällt:
Wenn du eine Entscheidung triffst und dein Kind darauf wütend reagiert – dann ist das okay.
Vielleicht ruft es:
„Blöde Mama! Ihr seid so gemein!“
Und jetzt ist wichtig:
Lerne, in diesen Momenten nicht aus Angst zu handeln, sondern aus Bewusstsein.
Erkenne die Gefühle deines Kindes an, ohne dich von ihnen überwältigen zu lassen.
Gefühle sind nicht gefährlich.
Wenn dein Kind weint oder wütend ist, weil ein Wunsch nicht erfüllt wird, dann hast du nicht versagt – und eure Bindung ist dadurch nicht gefährdet.
Im Gegenteil: Du hilfst deinem Kind, eine wichtige Fähigkeit zu entwickeln – Frustrationstoleranz.
Klar bleiben – auch wenn’s schwierig wird
Es geht also nicht darum, einfach Ja zu sagen, aus Angst vor Wut oder Tränen.
Sondern darum, den Raum für die Emotionen deines Kindes zu halten – und gleichzeitig klar in deiner Position zu bleiben.
Ein Beispiel:
Deine Tochter will Süßigkeiten vor dem Abendessen.
Du hast aber schon gekocht, und es ist gleich soweit.
Anstatt sofort nachzugeben, um einen Wutanfall zu vermeiden, könntest du sagen:
„Ich verstehe, dass du jetzt gern Süßigkeiten hättest – sie sind ja auch lecker. Und es ist schwer zu warten. Doch zuerst essen wir zusammen Abendbrot. Danach können wir überlegen, was du gern als Nachtisch möchtest.“
Damit erkennst du ihre Gefühle an, ohne sie zu ignorieren oder zu bekämpfen.
Du bleibst klar – und bietest gleichzeitig eine Lösung an, die für euch beide funktioniert.
Und wenn dein Kind dann frustriert ist – ist das völlig in Ordnung.
Kinder dürfen unsere Entscheidungen blöd finden.
Nachgeben – manchmal auch bewusst
Es gibt natürlich auch Situationen, in denen du merkst: „Okay, ist das jetzt wirklich so wichtig?“
Dann kannst du neu bewerten – ohne das Gefühl, verloren zu haben.
Wichtig ist, dass du reflektierst:
👉 Warum fühlt es sich für mich an wie Nachgeben?
👉 Ist es die Angst vor den Gefühlen meines Kindes?
👉 Oder die Angst, die Kontrolle zu verlieren?
Je reflektierter du in solchen Momenten bist, desto klarer kannst du deine Position vertreten – und gleichzeitig die Wünsche und Bedürfnisse deines Kindes mit einbeziehen.
Weg vom Machtkampf – hin zur Beziehung
Lass uns wegkommen von der Idee des Machtkampfs.
Hin zu einer echten Beziehung, in der die Bedürfnisse aller – sowohl deine als auch die deines Kindes – respektiert und gehört werden.
Wenn du lernst, in diesen Momenten ruhig und klar zu bleiben, wirst du sehen:
Es entstehen Lösungen, die für euch beide passen.
Denn es geht nicht darum, wer gewinnt.
Es geht darum, dass ihr gemeinsam Lösungen findet, die euch als Familie stärken.