„Warum schreit das Kind?“

Die Tochter kam auf die Welt und schrie und schrie und schrie, gute fünf Monate lang.

Ein Grund war für uns nicht erkennbar, wir versuchten alles und fühlten uns schnell als die schlechtesten Eltern dieses Planeten. Warum schrie unser Kind immer wieder wie verrückt, während alle anderen Kinder ruhig und zufrieden waren?

Was genau übersahen wir?

Wir fuhren mit ihr zum Osteopathen, trugen sie in der Trage, fuhren sie mit dem Kinderwagen oder saßen einfach nur weinend mit ihr auf dem Sofa oder im Bett. Sie ist unser erstes Kind und so blieben die Ratschläge der erfahrenen Eltern natürlich nicht aus. Sicherlich wollten viele nur helfen und so wurde uns gesagt, wir müssen das Kind nur mal hochnehmen (ernsthaft?), es nicht so viel stillen, es noch mehr stillen, zufüttern, es wärmer anziehen, nicht so warm anziehen, es im eigenen Zimmer schlafen lassen und noch viel mehr.

Babys schlafen doch noch viel, dachte ich

Bevor die Tochter zur Welt kam hatte ich die Vorstellung, dass so ein Baby relativ viel schläft in den ersten Monaten. Dass ich sie alle zwei oder drei Stunden stille, eine frische Windel rum mache und sie dann glücklich und zufrieden ist. Ich dachte, ich würde mit anderen Müttern gemütlich beisammen sitzen, die Kinder auf der Decke liegend, Kaffee trinken, lachen.

Die Realität sah anders aus, schon die eine Stunde Rückbildung war für mich jedes Mal ein Spiel mit dem Feuer.

Ich hatte das Glück, dass die Tochter auf dem Weg dorthin im Auto einschlief und ich sie mit der Babyschale einfach neben die Matte stellen konnte. Die Tochter wurde im tiefsten Winter geboren, hatte also warme Kleidung an, eine Mütze und eine dicke Decke obendrauf.
Und genau das habe ich in dem warmen Gymnastikraum so gelassen, bloß nichts verändern, damit ich meine Stunde turnen kann. Die anderen Babys liesen sich alle auspacken, lagen auf Decken und rollten fröhlich durch den Raum. Wurde meine wach, schrie sie alles zusammen und lies sich kaum beruhigen.

Ich kam mir wie eine Versagerin vor

Mir war das irgendwann unangenehm und so wollte ich mich auch gar nicht mehr mit anderen Müttern treffen. Denn immer wieder wurde ich gefragt, was die Tochter denn hätte. Ob ich schon dies oder jenes probiert hätte. Und immer wieder kam ich mir wie ein Versager vor, ich war die Mutter, die es nicht schaffte ihr Kind glücklich und zufrieden zu machen. Das machte leider auch sehr einsam.

Was waren nur die Bedürfnisse meiner Tochter, die so viel schrie?

Ich habe das große Glück Freundinnen zu haben, die wie ich überzeugt sind, dass ein bedürfnisorientierter Umgang mit dem Kind das Beste ist. Doch wie konnte ich die Bedürfnisse meiner Tochter erkennen? Sie schrie ja immer nur, egal, was ich versuchte. Und zu erkennen, ob das nun ein Hungerweinen oder ein Näheweinen oder was auch immer war, gelang mir nicht. Ich fragte mich lange, ob ich vielleicht zu blöd für den bedürfnisorientierten Ansatz bin.

Heute weiß ich, dass ich nichts machen konnte und mit meinem Mann das Beste gegeben habe, damit unsere Tochter sicher und geborgen ist. Sie ist nun 1 ½ Jahre alt und immer noch ein besonderes Kind. Wenn sie will, wickelt sie innerhalb von ein paar Minuten die ganze Nachbarschaft um ihren Finger. Sie ist eine kleine Persönlichkeit und weiß genau, was sie will. Und das setzt sie auch durch, wir stecken voll in der Autonomiephase und freuen uns über jeden Schritt, den sie alleine geht und über jede neue Fähigkeit, die sie entwickelt.

Aber auch heute gibt es noch Schreizeiten, wenn sie völlig übermüdet ist oder überreizt. Und auch heute ist es noch schwer, in solchen Momenten an sie ran zu kommen.

EIn schreiendes Baby triggert die Menschen sehr

Die Gesellschaft erwartet heute leider immer noch, dass die Eltern ihre Kinder im Griff haben. Ein Kind darf nicht auffallen, es hat leise zu sein und freundlich und nett. Zum Glück gibt es immer mehr Menschen, die sehen, dass Kinder nun eben mal Kinder sind und den Drang haben, sich auszuprobieren, nicht die Geduld mitbringen ruhig auf einem Stuhl zu sitzen oder überhaupt einfach ruhig und unauffällig zu sein. Doch was auch heute immer noch schwer ist, in allen Kreisen, ist ein schreiendes Baby.

Schreit ein Baby, löst das bei vielen Menschen, besonders bei Frauen, etwas aus. Uns ist von der Natur mitgegeben, dass unsere Babys nicht schreien sollen, denn dann bringen sie sich in Gefahr. Irgendwo sind wir alle noch Steinzeitmenschen, die Angst vor dem Säbelzahntiger haben. Und so ist es oft für viele Menschen nicht erträglich, wenn ein Baby schreit. Viele wollen dann helfen, so ging es uns auch. Das ist nett gemeint, ist manchmal aber gar nicht schön und oft leider auch keine Hilfe sondern eher eine Verschlimmerung der Lage.

Finde deinen Weg

Wir haben es geschafft, auch in solchen Situationen einen guten Mittelweg zu finden. Wir haben die Hilfe angenommen, von der wir wussten, dass sie uns gut tut. Wir haben um die Hilfe gebeten, die wir dringend brauchten. Und wir haben die Hilfe nett, aber bestimmt abgelehnt, von der wir wussten, dass sie uns nur zusätzlichen Stress bringt und der Tochter nicht gut tut.

Und wir haben gelernt, uns nicht schuldig zu fühlen und haben nach und nach sehr langsam das Gefühl abgelegt, falsch zu sein oder etwas falsch zu machen. Das war ein langer Weg und ist uns sicherlich nur gelungen, weil uns liebe und verständnisvolle Menschen begleitet haben.

 

Mehr von Clara bernhard kannst du auf dem Blog Herzenswege lesen.

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