„Über das Reisen entsteht die Anregung von alleine!“ Interview mit einer Mutter von 3 Freilerner-Kindern

Beim Worldschoolvillage, das vom 9.Oktober bis zum 8. November in Spanien stattfand, lernte ich Susanne und ihre drei Kinder kennen.
Sie leben, wenn sie nicht auf Reisen sind, als legale Freilerner an der deutsch-luxemburgischen Grenze und haben somit eine in Deutschland eher seltene Situation. Ich freue mich sehr, dass ich sie zum Freilernen interviewen konnte, denn ich finde ihre Familie in vielerlei Hinsicht inspirierend.

Es war nicht ganz einfach, bei insgesamt 5 Kindern einen ruhigen Moment für das Interview zu finden. Aber wir haben es geschafft. Viel Spaß beim Lesen!

D: Susanne, wir haben uns hier beim Worlschoolvillage kennengelernt. Kannst du dich und deine Familie mal mit ein paar Worten vorstellen?

S: Ja, also ich bin die Susanne. Und unsere Familie, dazu gehören die Karin, meine Frau und unsere drei Kinder: Noel, der ist jetzt neun, Mariella ist sechs und Angeline ist drei. Das Besondere an unserer Familie ist vielleicht, dass alle unsere drei Kinder als Pflegekinder zu uns gekommen sind.

D: Und ihr lebt ja auch als Freilerner? Noel und Mariella gehen nicht in die Schule. Wie kam es dazu?

S: Wir waren schon, bevor Noel in die Schule sollte, mit dem Freilernen beschäftigt. Karin hat das Buch vom André Stern gelesen: „Und ich war nie in der Schule“. Sie hat mir begeistert davon gezählt: „Ach guck mal, ich habe da ein Buch, das ist toll.“
Ich aber war sehr unsicher. Vor allem wegen der Gemeinschaft war es mir wichtig, dass Noel doch in die Schule geht. Dann haben wir ihn auf der Waldorfschule eingeschult und hatten dort aber viel Pech. Mehrere Faktoren, die sehr ungünstig waren. Schlussendlich war Noel dort sehr unglücklich und es ging ihm immer schlechter. Wir haben nach einem halben Jahr entschieden, wir nehmen ihn da raus. Und jetzt sind wir Freilerner.

D: Wie lange ist das jetzt her?

S: Das war vor 1 ½ Jahren.

D: Seit anderthalb Jahren seid ihr jetzt also Freilerner. Was siehst du an dem Freilerner-Leben für Vorteile? Für euch und für Noel und Mariella?

S: Der Vorteil ist für unsere Familie hauptsächlich die Freiheit, die wir einfach haben. Das halbe Jahr, wo Noel in die Schule ging, das war sehr stressig. Plötzlich mussten die Kinder abends früh ins Bett, damit sie morgens fit waren.
Und alleine dieses „Wir können schlafen gehen, wann wir wollen, das ist völlig egal“ ist wunderbar.
Die Kinder können aufstehen, wann sie wollen. Wir bummeln gemütlich in den Tag und manchmal hat bis zwölf Uhr jeder noch seinen Schlafanzug an. Das erlebe ich als total große Freiheit.

D: Als Selbstbestimmtheit?

S: Als Selbstbestimmtheit, ja.

D: Und Schule, fremdbestimmter im Gegensatz dann dazu?

S: Genau.

D: Und mit dem Lernen, wie funktioniert das bei euch? Ihr macht Freilernen, das heißt also, Noel wählt selber seine Angebote oder wie macht ihr das?

S: Wir machen das sogenannte Unschooling, genau. Das heißt, wir unterrichten nicht, sondern Noel macht einfach, was ihn interessiert und was ihm Spaß macht. Und wir versuchen, das so gut wie möglich zu begleiten. Einfach den Kindern eine anregende Umgebung zu bieten.
Darüber sind wir auch auf Reisen gekommen, was wir im Moment viel machen. Denn ich merke, mit drei Kindern ist Zuhause ist nicht so viel Zeit, dass ich mit Noel große Projekte machen kann. Und über das Reisen entsteht die Anregung von alleine. Da sind Menschen, die uns begegnen, Ereignisse, die uns begegnen. Man muss nicht so viel tun, um ein anregungsreiches Leben für die Kinder zu schaffen.

D: Ja, natürlich. Wir haben das gestern gesehen, und heute, wie die Kinder hier durch ihren Steinshop, wo sie ihre Steine verkauft haben, Mathe und Schreiben geübt haben. Sie haben erstmal ihre Preisschilder und Angebote geschrieben. Dann ihre Einnahmen zusammengerechnet. Das ist im Grunde Unschooling. Dadurch entstehen auch die Lerneffekte. Fand ich ein schönes Beispiel dafür.
Ja, und welche Schwierigkeiten siehst du so beim Freilernen? Also was ist das, wo du sagst, das ist doch echt ein Nachteil? Oder was dich vielleicht auch manchmal belastet?

S: Ich sehe zwei hauptsächliche Schwierigkeiten bei uns. Unsere beiden älteren Kinder, also Noel und Mariella, die brauchen schon sehr andere Kinder. Vor allem bei Noel fällt mir auf, dass der wirklich aufblüht, wenn er Spielkameraden hat. Können ein bisschen älter sein, können bisschen jünger sein. Aber dann ist er ein anderes Kind. Da leuchtet er, da strahlt er. Da ist er glücklich. Da geht er abends ins Bett und sagt: „Mama, das war ein toller Tag.“ Er hat hier einmal abends gesagt, „Mama, es ist toll. So könnte mein Leben immer sein.“

D: Das ist schön.

S: Das ist ein wunderschöner Satz. Und hat mich auch sehr berührt, dass er das so ausdrücken kann. Und das ist ganz deutlich eine Qualität, die Zuhause fehlt. Wir sind die einzigen Freilerner, dort wo wir leben. Die anderen Kinder sind in Institutionen, meistens bis abends. Und es ist wirklich schwer, dass die Kinder ausreichend freien Kontakt zu anderen Kindern haben.
Das ist der eine Nachteil, den ich sehe.
Und der andere Nachteil und gleichzeitig Vorteil ist, es ist ein ganz großes Glück und eine große Freude, die Kinder so nahe begleiten zu dürfen und so nahe dran zu sein. Aber manchmal ist es natürlich auch viel. Ich bin in der Regel tagsüber alleine mit den Kindern, weil Karin arbeitet. Viel arbeitet. Oft abends auch lange. Das heißt, ich bin einfach 24 Stunden täglich mit den Kindern zusammen. Und ja, da fehlen einfach auch Freiräume für mich.

D: Wie schaffst du dir die?

S: Im Moment schaffe ich sie mir nicht. (lacht) Manchmal fehlt mir die Energie, um sie mir zu schaffen.

D: Ah, okay. Aber du würdest gerne auch mehr Zeit für dich haben?

S: Ja.

D: Was wäre das, wenn du jetzt dir für das Freilernen wünschen köntest? Was sind deine Visionen?

S: Mehr Orte wie hier. Ein Ort, wo sich Freilerner-Familien treffen. Gemeinsam leben, so dass die Kinder ganz selbstverständlich Spielkontakte haben, die man nicht immer organisieren muss. Und dass ich Erwachsenenkontakt habe. Das ist ganz eindeutig meine Vision.

D: Das ist schön. Ich danke dir, Susanne.

Susanne Stroppel betreibt einen sehr lesenswerten Blog, auf dem sie über ihre Familie, das Reisen und ihre Erfahrungen mit dem Freilernen schreibt:
http://www.kasu.lu/kasunoma/

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