Über das erste Mal, das letzte Mal und das Nie-Wieder

Du warst noch winzigklein, da geschah ein unglaubliches Wunder: zum allerersten Mal begann dein Herz zu schlagen. Dein Herz, welches zu diesem Zeitpunkt kaum zu sehen war, so klein war es. Du selbst warst kaum größer als ein Böhnchen.

Und dieses erste Mal teilst du mit allen Menschen und allen Tieren. Ab dem ersten Schlag arbeitet dein Herz für dich. Mal schneller, wenn du aufgeregt bist oder dich anstrengst. Mal langsamer, wenn du ruhig und entspannt bist. Manchmal stolpert es, fängt sich wieder und es schlägt weiter. Immer weiter. Immer weiter.

Bis zu der Stunde, in der das Herz zum letzten Mal schlägt. Es hört einfach auf zu schlagen. Wenn seine Zeit vorbei ist, dann kann nichts auf der Welt das Herz wieder zum Schlagen bringen. Es schlägt nie wieder.
Selbst, wenn wir es uns noch so sehr wünschen.

Was nach dem letzten Herzschlag geschieht, ist ein ebenso großes Rätsel, wie das Rätsel des ersten Herzschlags.

Was dazwischen passiert, nennen wir Leben.
Mit allen Höhen und Tiefen, aller Freude und allem Leid. Und vor allem mit unzähligen ersten Malen, letzten Malen und so manchem Nie-Wieder.

Das erste Mal

Meine jüngste Tochter fuhr heute zum ersten Mal mit dem Fahrrad zum Kinderladen. Sie strahlte über das ganze Gesicht. Ich sah ihre Freude über ihr Größerwerden. Bald würde Fahrradfahren alltäglich für sie sein, doch jetzt war es gerade etwas ganz Besonderes. Ich freute mich so mit ihr.

Im Leben mit Kindern gibt es viele Premieren: Das erste Lächeln, die ersten Worte, die ersten Schritte…

Der erste Spaziergang nach der Geburt mit dem ersten Baby. Für mich sah die Welt auf einmal ganz anders aus. Heller noch, und strahlender. Warum liefen nur alle Menschen so unberührt vorbei. Sahen sie nicht, dass die Welt jetzt eine andere war?

Die erste Freundschaft des Kindes mit einem anderen Kind. Mein Ältester sagte als Sechsjähriger einmal zu mir: „Ich habe einen neuen Freund. Einen neuen Freund zu haben, das ist wie Geburtstag, nur ohne Torte.“ Er freute sich so sehr, den ganzen Tag lang.

Das erste Mal alleine mit der U-Bahn fahren. Als meine Große mit 10 Jahren auf die Oberschule kam, erhielt sie eine Monatskarte für die U-Bahn.
Das war für sie das Tor zur großen, weiten Welt. Sie rief mich nun öfters nach Schulschluß an und sagte zu mir: „Mama, ich mache jetzt eine U-Bahn-Rundfahrt. Mach dir keine Sorgen, wenn es etwas später wird.“
Kam sie dann am späten Nachmittag nach Hause, erzählte sie mir, wie sie zur Endstation gefahren und ausgestiegen war.
„Mama, ich bin die Treppe an der Endstation hochgelaufen und alles sah ganz anders aus, als bei uns. Ich dachte, ich bin gar nicht mehr in Berlin.“

Es ist ein Geschenk, das alles miterleben zu dürfen.

Die Freude zu teilen, die bei jedem Entwicklungsschritt entsteht.
Das sind erfüllende erste Male. Wir können sie feiern.

Letzte Male sind eine Erinnerung an unsere Sterblichkeit

Doch gleichzeitig erleben wir mit unseren Kindern so viele letzte Male. Da ist auch Wehmut dabei. Loslassen. Das letzte Mal das Baby oder Kind gestillt, vielleicht das allerletzte Mal überhaupt gestillt.
Die letzte Geburt. Wirklich die Allerletzte? Nie mehr ein Neugeborenes im Arm halten. Den Zauber der ersten Wochen erleben.

Den einzigartigen Babygeruch schnuppern. Nie wieder?

Die letzte Nacht im Familienbett mit den nachtwarmen Kindern, die ihre kleinen Hände langsam zu mir schieben. Das feine, leise Atmen. Die warmen Augen, die mich morgens anschauen. Irgendwann ist das alles Vergangenheit.

Bewußte Abschiede helfen uns bei Übergängen

Manche dieser Abschiede können wir bewusst zelebrieren, weil wir wissen, dass es ein Abschied für immer ist.
Wie beim letzten Tag im Kindergarten.
Viele der anderen Kinder werden meine Kinder nie wieder sehen. Eine Zeit neigt sich ihrem Ende. Das ist nicht nur den Eltern bewußt. Mein jüngerer Sohn hatte das auch gespürt, im vergangenen Sommer, in den Wochen nach seinem letzten Tag im Kinderladen. Seine Einschulung stand noch bevor und das Schweben zwischen dem letzten Mal Kinderladen und dem ersten Mal in der Schule war für ihn manchmal schwer auszuhalten. Er wußte nicht, wohin mit seinem ganzen Gefühlen, die er nicht einordnen konnte.
Dann kamen die ersten Tage an der freien Schule und so viele Premieren, dass er davon ganz voll und zufrieden war.

Oder der letzte Tag in der alten Wohnung, bevor wir endgültig ausziehen.

Ich erinnere mich noch an unseren letzten Auszug: Noch einmal durch die leeren Räume, die jetzt so groß wirken. Die mit viel Leben gefüllt waren. Hier, genau hier, sind meine beiden älteren Kinder geboren worden. Zuhause. In unserem Schlafzimmer.
Hier haben sie ihre Grundschulzeit verbracht. Hier hatten wir geliebt, gelacht, gefeiert und gestritten. War es wirklich gut, zu gehen? Ich spürte den Abschiedschmerz neben der Vorfreude auf unser neues Zuhause. Das ja erst noch ein Zuhause werden sollte.

War dieses Mal ein letztes Mal?

Manchmal gibt es letzte Male, die ich erst im Rückblick erkannte.
Noch heute habe ich das Lachen meiner beiden älteren Kinder im Ohr, wenn sie sich in unserem Ferienhaus mit ihrer selbstgebauten Seilbahn sich Nachrichten, Süssigkeiten und Spielzeuge von Fenster zu Fenster schickten.

Einmal war das letzte Mal, keine Nachrichten mehr – und ich bemerkte es nicht. Die Seilbahn hing noch eine Weile verwaist an der Hauswand.
Was ich an dem Tag gemacht habe – ich weiß es nicht.

Manche sagen: „Lebe jeden Tag, als wenn es dein letzter wäre.“

Doch ich denke, es ist nicht entscheidend, ob ich so lebe, als wenn es mein letzter oder erster Tag wäre. Für mich ist es wichtig, die besonderen Momente von jedem Tag einzufangen und zu spüren. Und die kündigen sich nicht vorher an. Sie flattern einfach so vorbei. Das Kind sagt etwas unglaublich Berührendes. Macht etwas ganz Neues.
Oder etwas Anderes nie mehr. Wenn ich das mitbekomme, bin ich glücklich. Und mein Kind auch, weil wir ein Geheimnis teilen. Das Geheimnis des einzigartigen Moments.

Meine beiden älteren Kinder sind bereits erwachsen. Mit neunzehn Jahren flog meine große Tochter für ein Jahr nach Australien. Und ich kam vom Flughafen nach Hause und weinte um das Ende ihrer Kindheit. Nie wieder würde sie in ihrem chaotischen Zimmer in unserem Haus sitzen und ungerührt davon die schönsten Bilder an ihrer Staffelei malen. Mein Strahlekind, das alle Herzen im Sturm eroberte, tat dies nun auf einem anderen Kontinent.
„Du weißt, wenn du in Not bist und meine Anwesenheit brauchst, dann steige ich ins nächste Flugzeug“, sagte ich zu ihr. „Das weiß ich doch, Mami“, sagte sie zu mir und tätschelte mir die Wange.

Jedem letzten Mal folgt ein erstes Mal – auch wenn du noch nichts davon weißt.

Doch gleich darauf gab es wieder ein erstes Mal. Sie kam, kaum in Australien, nicht an ihr Bankkonto und ihr Geld ran. Hatte nur noch ein paar Dollar.Und so skypten wir, zum ersten Mal, beide mit Tränen in den Augen. Die Entfernung war so groß. Uns nicht mehr anfassen zu können, das war neu.
Doch ich hatte zu tun. Ich organisierte und bezahlte von hier Hostelbetten für sie. Schickte Geld via Transferwise, zum ersten Mal. Dann fand sie ihren ersten Job in Australien. Ich konnte mich entspannen, während sie sich zum ersten Mal in der Ferne bewährte. Das große Kind loslassen.

„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft,
zu leben “, schrieb Hermann Hesse vor rund hundert Jahren.

Jeder Anfang, jedes erste Mal ist wie eine Neugeburt. Es ist das Versprechen, das noch alles möglich ist. Kinder sind sich des Zaubers des ersten Mals noch sehr bewußt. Ihre Freude über ihre Erfolge zeigt das. Sie hüpfen, schreien, springen und lachen, weil sie das erste Mal etwas geschafft haben.
Ihre Lebensfreude, sie springt uns an.
Und steckt uns an, wenn wir es zulassen.
Das dürfen wir nicht kleinmachen mit Sprüchen wie „Nun krieg dich mal wieder ein“, oder „Jetzt ist aber mal gut“.
Die ersten Male dürfen wir bis zum letzten Tropfen auskosten. Feiern.

Und auch uns Eltern tut es gut, immer wieder ein erstes Mal zu haben.

Als ich meinen ersten Marathon gelaufen bin, war ich nicht unter den schnellen Läufern. Es war verdammt anstrengend auf den letzten Kilometern. Aber ich hatte es geschafft. Ich war so euphorisch, dass ich tagelang wie auf Wolken schwebte. „Wenn ich das geschafft habe, dann kann ich alles“, war mein Gefühl.
So fühlen sich Kinder bei jedem ihrer Erfolge. Da braucht es kein Lob, nur Mitfreude.

Jedes letzte Mal ist wie ein kleiner Tod.

Das letzte Mal macht uns oft deswegen so traurig, weil es uns mit unserer eigenen Sterblichkeit konfrontiert. Der Endlichkeit von allem. Im letzten Mal sehen wir den ewigen Zyklus des Lebens aus Geburt und Sterben. Alles, was wir an Leben haben, ist nur geliehen. Wir können es nicht halten.
Wir können nicht die Zeit anhalten oder zurückdrehen, wenn ein Abschied uns schmerzt.
Ob es der Abschied von der Babyzeit ist oder der Abschied von einem Menschen. Die Zeit geht immer weiter. Gerade die Zeit des Übergangs ist schwer. Nach dem Abschied bei einem letzten Mal und vor dem Neubeginn bei einem ersten Mal kann es weh tun. Sehr weh. Das ist okay. Der Schmerz darüber gehört genauso zum Leben, wie die Freude.

Und gerade der Abschiedsschmerz bringt uns in Kontakt mit unserer Lebendigkeit. Im Schmerz können wir spüren, was uns zum Glück fehlt.
Und uns so eine neue Chance für unser Glück schaffen.

An jedem neuen Tag.

 

Welches erste Mal und welches letzte Mal habt ihr zuletzt erlebt? Wie ging es euch und euren Kindern damit? Ich freue mich, von euren Malen zu hören.

Wenn du wissen willst, warum ich meine Kinder nicht auf die Zukunft vorbereite, dann lies hier weiter.

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