Willkommen auf dem Planeten unserer Kinder!

Unsere Kinder – sie sind uns so nahe wie kaum etwas anderes auf der Welt.

Und doch tickt jedes Kind auf sein ganz eigene Weise.
Hat seine eigene Sprache.
Entwickelt seine eigenen Interessen und Vorlieben.

Und es hat auch seine ganz eigenen Stärken!

Das Leben mit Kindern ist wie die Reise zu einem unbekannten Planeten

Jedes Kind, ja auch jeder erwachsene Mensch ist eine ganz eigene Welt. In dieser Welt können wir Besucher sein und sie kennenlernen. Wir können staunen, weil manches so ganz anders ist als in unserer Welt. Dafür brauchen wir Zeit und Achtsamkeit, um die Sprache dieser Welt zu verstehen.

Manchmal gibt es auch Welten, die unserer eigenen Welt sehr ähneln. Dort finden wir uns schnell zurecht.

Es kann aber auch passieren, dass wir denken, wir wissen, wie es in dieser Welt läuft, weil sie unserer so ähnelt. Doch es gibt Unterschiede, immer…

Viele Konflikte, auch mit unseren Kindern, entstehen, weil wir unsere Wahrnehmung mit der unseres Gegenübers gleichsetzen. („Das ist doch total klar! Warum kannst du das nicht verstehen?“)

Doch unsere Realität ist nur unsere Realität, nicht die des Anderen.

Jeder Mensch, ob Kind oder Erwachsener, lebt in seiner eigenen Wirklichkeit, die eine Summe unserer spezifischen Sinneswahrnehmung, unserer Erwartung und unserer Erfahrung ist. Beziehen wir nicht die Perspektive des anderen Menschen in unsere Sichtweise und unser Erleben mit ein, kommt es oft zu Missverständnissen.

Kennst du das auch?

„Man, ist das laut hier!“
“Mir gefällt‘ s aber.“

„Die redet aber viel.“ „Ich find sie unterhaltsam.“

„Mmh, ist das lecker.“
“Bah, das ist ja viel zu scharf.“

„Da liegt nichts.“ „Doch, genau da liegt es! Wie kannst du das nur übersehen?“

 

Der Versuch, den anderen Menschen von unserer Version der Wirklichkeit zu überzeugen, ist zum Scheitern verurteilt.
Wir können den anderen Menschen lediglich einladen, unsere Welt kennenzulernen. 
Und wir können den anderen in seiner Welt besuchen.

Wenn die Welt des anderen Menschen uns sehr fremd ist, brauchen wir viel Zeit und Geduld, bis wir eine Ahnung haben, wie diese Welt tickt. Dann können wir das erreichen, was der Philosoph Wilhelm Schmidt den „erweiterten Blick“ nennt.

Meine vier Kinder haben mich in sehr unterschiedliche Welten geführt und mich viel über die Verschiedenheit der Menschen gelehrt. 
Sie sind so unterschiedlich, wie Menschen nur sein können.

Bereits mein erstes Kind tickte so ganz anders, als ich.

Für mich war das eine große Herausforderung als junge Mutter. Ich brauchte Zeit, um zu verstehen, warum er manche Dinge nicht tut. Nicht, weil er es nicht will. Sondern, weil sie nicht seinem Wesen entsprechen. Weil er eben einfach ganz anders ist.

Ich verzweifelte daran, ihm zu erklären, wie er in Berlin von einem Ort zum anderen kommt. „Es kann doch nicht so schwer sein, einen U-Bahn-Plan zu lesen“, dachte und sagte ich. Ich selbst war doch schon mit neun quer durch die Stadt gefahren.

Bis ich verstand. Ich hatte es auf meine Art gesagt. Wir redeten manchmal in unterschiedlichen Sprachen. Auch wenn wir beide deutsch sprachen. Nachdem mir das bewusst wurde, wie unterschiedlich unsere Wahrnehmung und Verarbeitung von Sinnesreizen war, konnte ich mich besser auf seine Welt einstimmen. Denn in seiner Welt war die innere Welt so wichtig, dass die äußere Welt manchmal komplett unwichtig war.

Jeder Mensch ist ein ganz eigene Welt, so komplex, vielfältig und unterschiedlich es nur geht!
Reise ich in Gedanken zu der Welt meiner Kinder, um mich besser in sie einfühlen zu können, dann stelle ich mir ihre Welten so vor:

Der Planet der Stille und der Erkenntnis!

Auf dem Planeten meines ältesten Sohnes vergeht die Zeit langsamer als anderswo. Die Menschen dort nehmen sich für jede einzelne Tätigkeit genug Zeit.
Manchmal sitzen sie auf einem Stein und schauen in die Ferne. Denken nach.

Oder stehen zu zweit herum und stellen sich gegenseitig Fragen zu philosophischen Themen. Suchen nach Antworten. Jeder Antwort folgt eine weitere Frage.

Auch im angeregten Gespräch erheben sie nie laut die Stimme.

Besuchen die Bewohner dieser Welt einen anderen Planeten, brauchen sie danach viel Raum und Zeit für sich, um die Eindrücke zu verarbeiten, die dort, in der fremden Welt, auf sie einströmten.

Wenn sie etwas tun, dann sind sie dabei sehr genau.
Perfektionistisch!
Sie versinken völlig in ihrer Tätigkeit, sei es handwerken oder musizieren.

Überhaupt die Musik. Immer wieder sehe ich auf diesem Planeten jemanden Gitarre spielen, oder Klavier, manchmal auch Harfe. In ihrer Ruhe schaffen sie Neues. Kompositionen, Erzählungen, aber auch neue wissenschaftliche Erkenntnisse, die auch den Bewohnern der anderen Welt helfen.

Das Essen vergessen sie dabei manchmal völlig. Wenn sie sich daran erinnern, wie lange sie nichts mehr gegessen haben, essen sie sehr viel auf einmal.

Es gibt auf dem Planeten keine heftigen Unwetter, kein Donnern und keine Blitze, aber ein sanfter Regen fällt häufig. Dem Geräusch des Regens zu lauschen lieben die Menschen auf dem Planeten. Am liebsten beim Einschlafen.

Der helle, bunte Planet

Auf dem Planet meiner älteren Tochter ist mächtig was los. Menschen sitzen in größeren Gruppen abends am Lagerfeuer und singen stimmungsvolle Lieder. Dabei tanzen und stampfen sie gerne.

Andere wandern gerade durch den Wald. Der Sturm, der gerade aufkommt, stört sie nicht. Sie lachen und reden, während sie eine gute Stelle für das Zelt suchen. Sind laut dabei. Schnell wird ein Zelt aufgebaut, um sich zu schützen. Im Zelt höre ich die Menschen weiterlachen und Geschichten erzählen.

Gefühle drücken die Menschen dort stark und heftig aus. Sie lachen nicht nur oft. Sind sie traurig, halten sie ihre Tränen nicht zurück.
Ist einer traurig, dann fangen die anderen mit an zu weinen. Am Ende liegen sich alle weinend in den Armen. Bis einer aufsteht und anfängt zu tanzen. Bald machen alle mit und die Trauer ist verflogen.

Sie erkunden jeden Winkel ihrer Welt und besuchen andere Welten.
Dabei passieren oft unvorhersehbare Abenteuer. Herausforderungen sind so wichtig wie das Essen. Klettern, balancieren, rennen, aber nicht als Wettbewerb, sondern als Herausforderung für sich selbst: „Schaffe ich das?“
Ihre Freunde stehen anfeuernd zur Seite. Danach wird gelacht und gefeiert. Die Menschen malen sich dabei bunt an und schmücken ihre Umgebung für die Feier mit Blumen und Girlanden.

Der Planet der Verbindung und des Spiels

Der Planet meines jüngeren Sohnes ist nicht auf den ersten Blick zu durchschauen.

Die Bewohner dieser Welt wirken am Anfang zurückhaltend. Sie beobachten die anderen genau. Doch sie sind überhaupt nicht schüchtern.
Eher sehr eigen-sinnig. Wenn sie etwas nicht wollen, dann kann keiner sie dazu bringen. Sie sind aber durchaus bereit, sich im Gespräch von einem guten Argument überzeugen zu lassen.

Sie lieben Wettkämpfe und Spiele und sowohl Schachturniere als auch sportliche Wettbewerbe finden überall auf diesen Planeten statt. Doch es geht ihnen dabei nicht nur ums Gewinnen, sondern vor allem um das Teilnehmen. Sie haben keine Probleme mit dem Verlieren, sondern schauen, was der Gewinner getan hat, um zu gewinnen.  Untereinander geben sie sich auch Tipps. Es macht ihnen mehr Spaß zu spielen, wenn alle gut spielen können.

Deswegen gibt es trotz der vielen Wettkämpfe wenig Streit deswegen.

Eine sehr große Rolle auf diesem Planeten spielt der Handel. Wenn sie nicht spielen, dann handeln sie. Oder planen die Gründung eines Geschäftes. Knüpfen untereinander Geschäftskontakte. Mit Zahlen sind sie so vertraut, wie mit kaum etwas anderem. Selbst umfangreiche Rechenoperationen erledigen sie im Kopf.
Für ihre Geschäftsbeziehungen nehmen sie gerne Kontakt zu den Bewohnern anderer Planeten auf. Ebenso, wie für ihre Spiele und Wettbewerbe, zu denen sie andere Menschen gerne einladen.

Von den Bewohnern der anderen Planeten werden sie für ihren Einfallsreichtum geschätzt.

 

Der Planet der Kooperation und der Gemeinschaft


Auf dem Planet meiner jüngeren Tochter sind die Menschen sehr gemeinschaftlich orientiert. Das Wohlbefinden aller steht im Vordergrund.

Sie sind sehr gerne zusammen, ob beim Spiel, bei der Arbeit oder auch beim Ausruhen. Enge körperliche Nähe ist ihnen selbstverständlich.

Bei gemeinsamen Tätigkeiten steht das Zusammensein im Vordergrund und nicht, nur ihre eigenen Interessen durchsetzen zu können. Sie sind sehr freigiebig und teilen gerne.
Trotzdem verlieren sie sich selbst nicht aus den Augen. Denn dabei sind sie seelisch ausgeglichene Menschen, solange die Menschen, die ihnen wichtig sind, in ihrer Nähe sind.
 Jeder hat sie gerne zu Besuch, einfach weil ihre Fähigkeit, andere anzunehmen, so hoch ist. Dadurch fühlen sich alle, selbst zurückhaltende Menschen, wohl in der Gegenwart eines Bewohners dieses Planeten.

So vernetzen sie die verschiedenen Planeten miteinander.

Durch ihre Aufgeschlossenheit lernen sie Vieles kennen; andere Sprachen, andere Gewohnheiten, neue Lieder und Spiele. Das alles binden sie sogleich in ihre eigene Welt ein.

Aber all diese Planeten bleiben nicht ein für alle mal genauso

Nein, sie befinden sich in ständiger Veränderung. Manchmal sind diese Veränderungen sichtbar für alle, viel häufiger aber nehmen wir sie erst allmählich wahr.

So, wie auch wir nicht mehr dieselben sind wie vor 5, 10 oder gar 20 Jahren, ist auch die Welt unserer Kinder in ständiger Veränderung. Sie machen ihre eigenen Erfahrungen und entwickeln ihre eigenen Interessen und Gedanken. 
Wenn wir achtsam hinhören, zuhören, lernen wir ihre Welt kennen und sehen auch die Veränderungen.

Dadurch können wir viele Missverständnisse und Fehlinterpretationen vermeiden. Denn wir können einen anderen Menschen nie verändern, wir können nur seine Wirklichkeit kennenlernen und schauen, wo wir uns treffen können.

„Der Vergleich ist aller Unglück Anfang“ schreibt der Philosoph SØren Kierkegaard.

Das drückt für mich sehr gut aus, wie wichtig es ist, jeden Menschen, ob jung oder alt, in seiner Einzigartigkeit anzuerkennen. Und besonders Kinder brauchen es, in ihrer Einzigartigkeit so genommen und geliebt zu werden, wie sie sind. Und nicht, wie Eltern, die Schule oder die Gesellschaft sie haben will.

In den nächsten Wochen lade ich euch auf eine Reise ein. Mit dem Schwerpunktthema „Willkommen in meiner Welt“ will ich für Verständnis für die Verschiedenheit von uns allen und besonders von unseren Kindern werben. Unsere Welt ist bunt, so wie jeder einzelne von uns.

Der Versuch, unsere Kinder an eine „Norm“ anzupassen, bedeutet den Verlust des Gefühls, richtig zu sein, zu stimmen.
 Denn jedes Kind ist richtig und wichtig.

Je mehr wir uns alle in unserer Unterschiedlichkeit akzeptieren, desto glücklicher uns ausgefüllter ist unser Leben.

Wie seht es auf dem Planeten eurer Kinder aus? Oder auf euren eigenenPlaneten?

Hier kannst du über das Leben mit einem hochsensiblen Kind lesen.

Clara Bernhard schreibt über das erste Lebensajhr ihrer Tochter, die nicht aufhörte zu weinen.

In einem Interview beschreibt Suse die sprachliche Situation ihres jüngsten Kindes.

Wer Lust hat, sich mit einem Artikel über das Leben mit seinem besonderen Kind zu beteiligen, kann das gerne tun. Schreibe mir unter Dgericke@kindheitinbewegung.net

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