Mein Kind kommt auf eine freie Schule

Dem Regelschulsystem entronnen

Geschafft. Der Vertrag ist unterschrieben, ein erstaunlich kurzer Vertrag, in dem kaum mehr als die notwendigsten Angaben stehen. Im September also kommt mein jüngster Sohn  auf eine Freie Alternativschule, eine sehr freie, wie mir von einigen Seiten erzählt wurde. Mein Sohn will und freut sich. Bei uns Eltern ist die Freude ebenfalls groß, gemischt mit der Erleichterung, dem Regelschulsystem entronnen zu sein. Nie wieder, das war uns nach der Geburt unserer jüngsten Kinder klar. Nie wieder möchten wir, daß unser Familienleben derart von der Schule dominiert wird, daß zwischendrin kaum noch Luft zum Atmen bleibt. Wir bleiben frei, das war unser Gefühl. Keine Hausaufgaben, kein Pünktlichkeitszwang, keine Noten, keine Klassen…

Viel Freiraum für die Kinder

Ich bin mir sicher, daß Kinder all das lernen, was sie für ihr Leben brauchen, ohne daß man diese Zwangsmaßnahmen anwenden muß, wenn eine entsprechende Umgebung durch Elternhaus und/oder Schule vorliegt. Die Woche, die wir gemeinsam während der Hospitation dort verbracht haben, war sehr entspannt. Auch wenn die Kinder dort viel Freiraum haben, sehe ich, daß die Erwachsenen mitbekommen, wo die Kinder gerade sind und einen Prozeß begleiten, wenn es notwendig ist. Das einzige, was für mich gewöhnungsbedürftig ist, sind die vollgekritzelten Wände. Aber ich habe mich gefragt, ob das meinen Sohn stört (wahrscheinlich nicht, hat sich nicht dazu geäußert) oder eben vor allem nur mich. Kinder haben da ja eine andere Toleranz als Erwachsene.

Die Reaktionen der anderen

Unsere Entscheidung von bekannten, Freunden und Verwandten sehr unterschiedlich aufgenommen. „Ich bin ja eine Verfechterin der Regelschule. Ich finde, Kinder müssen Regeln und Grenzen lernen.“ sagt eine Bekannte, selbst angehende Lehrerin.

„Wie schön. Ich bin noch heute den Leuten von der Freien Schule dankbar für ihre Hilfe damals,“ meint eine andere Bekannte, deren Kind auf der Freien Schule war. „Na, wir sind schon gespannt,“ verkündet mein Bruder, nachdem er davon gehört hat, durchaus interessiert.

Die Regel: Schulstreß

Ich merke, wie wenig Wissen es bei vielen Eltern über alternative Schulmodelle gibt. Die meisten Eltern gehen mit ihren Kindern den üblichen Weg, Grundschule, dann möglichst Gymnasium und Abitur. Der Morgen ist geprägt von Zeitstreß, Brote schmieren, Sachen packen, pünktlich sein, die Nachmittage werden von Hausaufgaben und lernen für Klassenarbeiten bestimmt. In der Oberschule kommt noch der Versetzungsstreß hinzu. Das alles kann das Familienklima gründlich vermiesen, vor allem, wenn das eigene Kind eigentlich etwas ganz anderes im Sinn hat als sich mit Schulstoff zu beschäftigen. Doch der Kopf wird in eine Richtung gedrückt. Die ersten 1 bis 2 Schuljahre ist noch Schonzeit, dann geht es richtig los. Wenn man Glück hat, ist der Lehrer emphatisch und engagiert. Aber das Glück kann schnell vorbei sein, denn der Lehrer wird den Schülern einfach zugeteilt. So ging es meiner älteren Tochter. Sie hatte in den ersten beiden Schuljahren einen zugewandten Lehrer, den sie sehr mochte. Dann ging er in Elternzeit und sie bekam eine Lehrerin, die ihr die Freude an der Schule gründlich vermiest hat. Abendliche Tränen, weil sie glaubte, den Ansprüchen der Lehrerin nicht zu genügen, gehörten nun dazu. Ganz anders in der Freien Schule. Da suchen die Kinder sich aus, mit welchen Erwachsenen sie etwas machen wollen. „Ja,“ höre ich da die Einwände, „später im Leben kann man sich auch nicht immer aussuchen, mit wem man zu tun hat.“ Hey, mein Kind lebt doch schon, das Leben beginnt doch nicht erst nach der Schule,“ sage ich dazu nur.

Erwachsene können wählen, Kinder nicht

Außerdem kann man sich später sehr wohl aussuchen, mit wem man zu tun hat. Als Erwachsene habe ich nämlich eine Wahlmöglichkeit, die ein Kind in der Schule nicht hat. Ich kann mir selbst einen anderen Arbeitsplatz suchen, studieren oder auch nicht, mich selbstständig machen….  Alles Möglichkeiten, die ein Kind nicht hat. Es ist dem Wohlwollen der Erwachsenen ausgeliefert. Wenn ein Kind gut an seiner Regelschule klarkommt und dort sein will, ist das schön. Kommt es aber nicht an der Regelschule klar, ist für das Kind die Situation scheinbar ausweglos, denn es hat nur begrenzte Möglichkeiten, etwas zu ändern. Es gibt leider noch viel zu wenige Schulalternativen für Eltern und Kinder, die dies wollen und brauchen. Auch ist es in Deutschland nicht wie in anderen Ländern möglich, seine Kinder zu Hause lernen zu lassen. Dabei wäre es dringend notwendig, das Familien diese Möglichkeit haben, wenn es die Situation erfordert. Statt dessen müssen manche Kinder sich in Schulen plagen, in denen sie nicht sein möchte und zu denen es besonders auf dem Land keine Alternative gibt.

Die Sehnsucht nach dem freien Lernen

In Deutschland muss sich noch viel bewegen, bis jedes Kind die Bildung findet, die es sich wünscht. Bei meinen beiden älteren Kindern gab es nur sehr wenige freie Schulen. Wir bekamen damals keinen Platz und meine Großen haben das Regelschulsystem durchlaufen. Schulgründungen waren sehr schwer bis unmöglich. Aber seit einigen Jahren ist viel in Bewegung. Eltern nehmen nicht mehr widerspruchslos hin, was von Schulbehörden verordnet wird und vernetzen sich. Die heilige Kuh „Schulpflicht“ wird nicht einfach mehr hingenommen. In 10 Jahren wird vieles hier im Land ganz anders aussehen, denn die Sehnsucht nach einer anderen Form des Lernens greift wie ein Buschfeuer um sich. Das wird nicht nur die Schulen, sondern auch unser Leben verändern. Ich sehe die Kinder an den freien Schulen. Es sind Kinder, die ihren eigenen Kopf haben – und behalten.

Den Text habe ich vor dem Sommer 2016 geschrieben. Nun ist mein Sohn schon eine Weile dort. Die bekritzelten Wände sehe ich schon lange nicht mehr, dafür viele schöne Begegnungen. In einem der nächsten Beiträge hier schreibe ich, wie der Einstieg für meinen Sohn lief.

Mehr zu Freien Schulen findest du auch auf unser Pinterest-Pinnwand:


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