Dann gehen wir jetzt!

Logische Konsequenzen sind auch nur Strafen.

Ein infernalisches Schreien erschütterte den Supermarkt, in dem ich gerade meine Wochenendeinkäufe erledigte. Ich folgte dem Schreien und sah ein kleines, vielleicht dreijähriges Mädchen zwischen den Tiefkühltruhen am Boden liegen und mit den Fäusten auf Boden trommeln. Eine Mutter oder einen Vater sah ich nicht. Ich kniete mich zu dem Mädchen und fragte sie: „Boah, sieht so aus, als ob du gerade ganz schön wütend bist? Wolltest du auch etwas für dich aus dem Laden haben?“
Das Mädchen hörte auf zu weinen, schaute mich an und nickte, während ihr die Tränen über die Wangen liefen. Eine junge Frau mit Baby im Tragetuch näherte sich uns und sagte: „Die hat gerade ’nen Bock.“
„Das ist nicht immer einfach, mit zwei kleinen Kindern einkaufen zu gehen“,  sagte ich, „kann ich dir helfen?“
„Immer schön konsequent bleiben, das ist das Wichtigste“, meinte die Frau, nahm ihr Kind an der Hand und zog es weiter.  

Ich dachte über die Szene noch eine Weile nach.
Was hinderte die Mutter daran, mit ihrem Kind in Verbindung zu bleiben?
Wie hätte ich sie unterstützen können?
Weswegen finden es so viele Menschen normal, das Kinder den ganzen Supermarkt zusammenschreien und finden kein Wort des Trostes für ein Kind in Not?

Auch wenn ich persönlich nicht erlebt habe, dass sich eins meiner Kinder im Supermarkt auf den Boden geworfen hat, so kenne ich natürlich auch schwierige Situationen mit meinen Kindern.

Wenn ich sah, dass mein ältester Sohn der kleinen Schwester ein Spielzeug wegnahm, dann tobte ein ganzes Rudel Wölfe in mir. „Wenn er der Kleinen was wegnimmt, dann darf er es auch nicht behalten, wenn er haut, dann kann er jetzt nicht mitspielen“, bellten sie. Das Kind in mir, selbst kleine Schwester von mehreren Brüdern, meldete sich klagend: „Immer gewinnen die Großen. Nie kann ich in Ruhe spielen.“

All diese Gefühle, die in mir tobten, schrien nach Konsequenzen. Doch angedrohte Konsequenzen brachten keinen Frieden und keine Verhaltensänderung. Für den Bruder war es nur eine Strafe und er fühlte sich nicht gesehen. Es war nicht förderlich für die Geschwisterbeziehung und auch nicht für meine Beziehung zu den Kindern.

Also suchte ich einen anderen Weg mit meinen eigenen Kindern, jenseits von sogenannten logischen Konsequenzen. Dieser Weg ist am Anfang kein einfacher, denn er brachte mich an meine Grenzen. Ich habe an meinen eigenen Gedankenmustern gearbeitet und sie aufgebrochen.
Aber es hat sich absolut gelohnt, mich auf den Weg zu machen, denn die Beziehung zu meinen Kindern und auch der Kontakt zu meinen eigenen Bedürfnissen ist viel tiefer und entspannter geworden.
In diesem und dem folgendem Artikel werde ich dir erklären, warum sogenannte logische Konsequenzen schädlich für die Beziehung sind und was du bei Konflikten stattdessen machen kannst.

Was ist denn nun das Problem mit logischen Konsequenzen?

Sogenannte logische Konsequenzen sind auch nur eine Form der Bestrafung.
Es geht darum, dass der Erwachsene eine Maßnahme durchführt, auf die das Kind keinen Einfluss hat.
Gegenstände werden ihm weggenommen, es wird ignoriert und darf nicht mehr am Spiel teilnehmen, oder etwas Geliebtes wird ihm vorenthalten. Alles mit dem Ziel, das Verhalten des Kindes in eine für die Erwachsenen passende Richtung zu drängen. Erwachsene können dies aufgrund ihrer Machtposition dem Kind gegenüber tun. Freiwillig würden Kinder den Konsequenzen kaum zustimmen.

Körperliche Gewalt steht zum Glück seit 15 Jahren unter Strafe und die Akzeptanz, ein Kind körperlich zu strafen, hat stark abgenommen. Doch die alten Gedankenmuster, die zu körperlichen Strafen geführt haben, sind noch immer aktiv.

Konsequente Erziehung von Geburt an war viele Jahre die Devise

Die konsequente Erziehung von Anfang an ist tief in unserer Gesellschaft verankert. Seit Jahrhunderten wurde Härte gegenüber den Wünschen der kleinen Wesen den Eltern nahegelegt. Besonders im Nazireich wurde Verwöhnen ein No-Go für junge Mütter. Schließlich wollte man zukünftige Soldaten heranziehen, die kritiklos den Befehlen folgten. Doch die Wurzeln dafür wurden schon viele Jahre vor dem Nazireich gelegt.

Sobald ihr’s hochnehmt, wie es will,
So hat’s aus Eigensinn geschrien
Nun heißt es doppelt: es erziehen,
Ihm deutlich zum Bewusstsein bringen:
Durch Schreien lässt sich nichts erzwingen!

(Aus Säuglingspflege in Reim und Bild, Elisabeth Behrend, 1928)

Auch Bismarck, der die deutsche Gesellschaft lange Zeit geprägt hat, war der Meinung:
Wir sind nicht auf dieser Welt, um glücklich zu sein und zu genießen, sondern um unsere Schuldigkeit zu tun“

Und da kommt nun so ein kleines Wesen auf diese Welt und will einfach nur glücklich sein und genießen. Kein Wunder, dass das viele Menschen so triggert.

Es hilft erstmal, sich bewusst zu machen, wie sehr die Erziehung der Härte auch in uns drin steckt. Sie wurde von Generation zu Generation weitergegeben.
Wer nicht hören will, muss fühlen, war die Devise vergangener Generationen. Im Kleinen in der Familie, im Großen unter den Völkern. Wollt ihr nicht anerkennen, dass wir die Mächtigeren sind, dann werdet ihr es spüren.

„ Der Krieg ist eine bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln“, schrieb Carl von Clausewitz 1832. Krieg war eine Normalität in den vergangenen Jahrhunderten, die Handlung einer konsequenten Politik der Stärke.

Doch all die Kriege wären kaum möglich gewesen, wenn der Grundstein für Gehorsam in der Erziehung nicht gelegt worden wäre. Besonders in Preußen im ausgehenden 19. Jahrhundert war Gehorsam und Staatstreue ein wichtiges Erziehungsziel.

Ohne diese Erziehung wäre Hitlers Demagogie nicht auf so fruchtbaren Boden gefallen:
„Meine Pädagogik ist hart. … Es darf nichts Schwaches und Zärtliches an ihr sein.“
(aus Gespräche mit Hitler v. Herrmann Rauschning 1940 )

Die Weltkriege sind (zum Glück) verloren, die Häuser wurden wieder aufgebaut, aber die Pädagogik des Preußentums und des Nazireichs wirkt bis heute wie ein leises Gift.

Kaum einer würde mehr offen sagen, er verlange Gehorsam von seinem Kind, sonst wird es bestraft. Die Sätze, die ELtern benutzen, sind subtiler, die Botschaften sind schwerer durchschaubar geworden. Sie kommen im Gewand der modernen Elternschaft daher, die das vermeintlich Beste für das Kind will.

 Anstelle der Strafen treten jetzt die sogenannten „logischen Konsequenzen“

„Verwöhne es bloß nicht so, es tanzt dir sonst auf der Nase herum.“
„Du lässt ihm ja alles durchgehen.“
„Du wirst schon noch sehen, was du davon hast.“
„Du musst rechtzeitig durchgreifen, sonst macht es, was es will.“

Kennst du solche Sprüche von deinen Eltern oder anderen Bekannten und Verwandten?
Gerade beim ersten Kind ist es nicht einfach, bei solchen Sprüchen bei dir und deinem Kind zu bleiben. Haben die warnenden Stimmen vielleicht doch recht? Schließlich haben die Verwandten ja schon Kinder aufgezogen. Und natürlich möchtest du sicher so mit deinem Kind leben, dass es auch in Einklang mit deinen Bedürfnissen ist. Warum sollen Konsequenzen schlecht sein, sie sind doch logisch?

Konsequenz erwartet folgsame Kinder, nicht selbstständige, die ihren eigenen Kopf haben und ihre Bedürfnisse selbstbewusst vertreten.

Die Forderung nach mehr Konsequenz ist sehr aktuell, denn Konsequenz, so versprechen manche Bücher zu dem Thema, führt zu einem einfacheren Familienleben. Außerdem müssen Kinder lernen, dass sie nicht alles bekommen können, um gesellschaftsfähig zu werden, so behaupten die Bücher.

Schließlich ist das Leben kein Ponyhof und kein Wunschkarussell, ist der Tenor. Damit würde man sie nicht nur für die Familie, sondern auch für das Leben fit machen. Denn: „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.“

Konsequenz hat mit Folgen spüren zu tun – eine subtile Form der Rache: Tust du nicht, was ich sage, dann wirst Du die Folgen spüren.
Doch Kinder wollen kooperieren. Sie haben eine unglaublich große Sehnsucht, es ihren Eltern recht machen zu wollen.
Die Forderung nach Konsequenz missachtet, dass Kinder grundsätzlich bereit sind, mit ihren Eltern zu kooperieren. Die Kooperationsbereitschaft, so zeigen neue Forschungen, ist dem Menschen angeboren.

#LogischeKonsequenzen #AlternativenZuStrafen #OhneStrafen #Unerzogen #GewaltfreieKindesbegleitung

„Du hast die Konsequenzen zu tragen“

Wir alle sind mehr oder minder in unserer Kindheit von den Eltern, den Lehrern oder anderen Erwachsenen mit solchen Sprüchen konfrontiert worden, wenn wir Wünsche geäußert haben, die ihnen nicht passten. Unsere Eltern wussten nicht, dass es auch einen anderen Weg gibt, einen einfühlsamen Weg, bei dem ich mein Kind nicht vor den Kopf stoße, so dass es sich verzweifelt zu Boden wirft. Denn nichts anderes ist der Wutausbruch: Es ist die Verzweiflung des Kindes, weil es mit seinen Bedürfnissen nicht gesehen wird.

Das Leben ist verschwenderisch

Denn das Leben ist nicht konsequent, dass sind nur Menschen. Das Leben ist Fülle und Verschwendung. Kinder spüren, dass die Einschränkungen künstlich sind und oft das Ziel verfolgen: „Es soll lernen, dass es nicht alles bekommen kann.“

Konsequenzen wären logische Folgen und demzufolge keine Strafe. Typische Beispiele, in denen sogenannte Konsequenzen benutzt werden:

Putzt sich das Kind nicht die Zähne, dann gibt es also keine Süßigkeiten mehr.
Wenn das Kind ein anderes Kind auf dem Spielplatz haut, gehen wir eben nach Hause.
Wenn es mit seinem Essen spielt, dann ist es wohl satt und der Teller kommt weg.

Wenn wir nur konsequent sind, dann würden unsere Kinder verstehen, was das Richtige ist und sich beim nächsten Mal „vernünftig“ verhalten. So würden sie zu einem lebenstüchtigen Menschen heranwachsen, die wissen, dass es im Leben Regeln gibt.

Doch all diese Beispiele sind keine logischen Folgen. Es sind lediglich Aktionen, die sich Eltern ausdenken, um ihr Kind zu einem Verhalten zu bringen. Das spürt das Kind. Je nachdem verweigert es sich, oder, aus Angst vor der Strafe gehorcht es.
Einsicht ist etwas aber anderes.

Eine logische Folge müsste direkt und unvermeidbar eintreten, ohne Einwirkung von anderen:
Wenn ich meine Hand in einen Eimer Wasser stecke, wird die Hand nass.
Putzt sich das Kind heute abend nicht die Zähne, dann haben die Zähne am Abend keine Zahnbürste gespürt.
Es ist keine allerdings zwangsläufige Folge, dass das Kind Karies bekommt, wenn mal das Zähneputzen ausfällt. Das wissen wir nicht sicher, sondern vermuten es lediglich aufgrund unserer Erfahrungen und unseres Wissen über Karies. Die sogenannnte Konsequenz  „dann gibt es also keine Süßigkeiten mehr„, ist nichts anderes als eine Strafe für das Nichtputzen der Zähne. Gute Tipps, wie du damit anders umgehen kannst, findest du hier.

Wenn dein Kind ein anderes Kind haut, gibt es viele mögliche Folgen; das andere Kind weint, es haut zurück, es geht weg, es wirft mit Sand. Es gibt aber keine logische Folge. Die Konsequenz „Wir gehen nach Hause“ wählen die Eltern, weil sie ein Problem mit dem Hauen ihres Kindes haben. Sie wollen es so zu einem anderen Verhalten bewegen. Sie hätten durchaus andere Reaktionsmöglichkeiten als diese, also ist das Weggehen keine logische Folge. Es ist eine Strafe.

„Wenn es mit seinem Essen spielt, dann ist es wohl satt und der Teller kommt weg.“
Auch da gibt es keinen zwangsläufigen Zusammenhang. Für das Kind ist das keine logische Folge wie z.B. wenn ich eine Erbse esse, dann ist sie danach verschwunden.
Hoppla, wenn ich die Erbse runter werfe, ist sie zwar vom Tisch, aber noch sichtbar, beobachtet das Kind. Schwupp, ist der Teller weg. Ich habe aber noch Hunger. Blöde Mama.

Für das Kind ist das auch nicht anderes als eine Strafe. Es wird dafür bestraft, dass es etwas getan hat, was die Eltern nicht wollen. Die Eltern verordnen eine „Konsequenz“, damit es einsieht, dass es in ihren Augen falsch gehandelt hat. Als Antwort weint es meistens heftig, rebelliert oder resigniert.

Sogenannte logische Konsequenzen sind ein Ausdruck der Hilflosigkeit von Eltern. Sie suchen den richtigen Weg, haben ihn aber noch nicht gefunden.

Doch es gibt einen Weg, wie du deine Wünsche formulieren und reagieren kannst, ohne dein Kind durch Konsequenzen zu bestrafen. Es ist ein Weg, der die Beziehung zu deinem Kind stärkt und dessen Integrität wahrt. Suche in einem Konflikt das Bedürfnis des Kindes, was hinter seinem Verhalten steckt. Denn es hat immer einen Grund, für das, was es tut, auch wenn es für uns manchmal nicht leicht ist, den Grund herauszufinden.

In meinem nächsten Beitrag beschreibe ich dir ausführlich, wie du aus Situationen, die für dich bisher schwierig waren, eine Bereicherung für eure Beziehung machen kannst: Wie du einen Konflikt mit deinem Kind ohne Strafen lösen kannst.

 

Buchtipps:

Nun hör doch mal zu!
Elternsprache-Kindersprache
Adele Faber
Elaine Mazlish
La Leche Liga

Familienkonferenz
Die Lösung von Konflikten zwischen Eltern und Kind
Thomas Gordon
Heyne Verlag
Dieses Buch zog ich kurz nach der Geburt meines ersten Kind aus dem Bücherregal meiner Mutter. Thomas Gordon brachte sein Buch Parent Effectiveness Training, wie es passender in Englisch heißt, bereits 1970 erstmalig heraus. Als einer der ersten bietet Modell der gewaltfreien Konfliktbewältigung für Familien an. Es gibt viele Paralellen aber auch einige Unterschiede zu der Gewaltfreien Kommunikation nach Marshall Rosenberg. Sie haben beide bei Carl Rogers, dem Begründer der klientenzentrierten Gesprächstherapie, gelernt.

Ich will verstehen, was du wirklich brauchst
Gewaltfreie Kommunikation mit Kindern
Frank und Gundi Gaschler
Kösel Verlag

Mama, was schreist du so laut?  Wut in Gelassenheit verwandeln
Gewaltfreie Kommunikation mit Kindern
Britta Hahn
Jungfermann Verlag
Ein gutes Buch, um in Kontakt mit der eigenen Wut im Umgang mit den Kindern zu kommen. Die Wurzeln liegen, wie ja fast immer, in unserer Kindheit. Die Autorin hatte jahrelang selbst mit Wutausbrüchen und Gewalt gegenüber ihren Kindern zu kämpfen. Durch die Gewaltfreie Kommunikation lernte sie, sich selbst Empathie zu geben und alte Verhaltensmuster aufzulösen. So konnte sie ihren Kindern gelassener begegnen.

Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn
Der entspannte Weg durch Trotzphasen
Danielle Graf
Katja Seide
Beltz Verlag
Hier habe ich ausführlicher über das Buch geschrieben.

Kinder verstehen
Herbert Renz-Polster
Kösel Verlag

Jedes Verhalten, selbst wenn es uns im ersten Augenblick noch so unlogisch erscheint, hat seinen Sinn, der uns jedoch nur erschließt, wenn wir uns mit der Stammesgeschichte des Menschen beschäftigen. Nach dem Lesen können wir viele Verhaltensweisen des Kinder als evolutionär notwendig verstehen und ihm nun anders begegnen.

Links:

http://www.geo.de/magazine/geo-kompakt/5202-rtkl-kooperation-die-macht-der-gruppe

https://www.mpg.de/7537349/teilen

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