„Wenn du die Jacke nicht anziehst, kriegst du kein Eis“

Mein Ansatz, wie ich versuche, meinem Herzen zu folgen, wenn Eltern und Kinder seelisch in Not sind.

Manchmal höre ich ein Kind sehr laut weinen. Dauert das Weinen länger, und mein Herz sagt mir, da ist seelische Not, gehe ich manchmal hin, um zu schauen, ob ich zur Entspannung der Situation beitragen kann.
Wenn das Kind schon sehr lange geweint hat, treffe ich meistens auf sehr angespannte Eltern oder Elternteile.
Ich frage als erstes in freundlichem und sanftem Ton die begleitenden Erwachsenen, ob ich ein paar Worte an das Kind richten kann.Wenn ja, frage ich noch kurz, was denn passiert ist. Dann knie ich mich zu dem Kind herunter und spreche mit liebevoller, sanfter und einfühlsamer Stimme z. B.: „Bist du gerade frustriert?“ „Bist du gerade wütend?“
Dabei kommt es mehr auf den Zuspruch, auf mein Mitgefühl an, als auf den Inhalt meiner Anrede.

Vor einiger Zeit erlebte ich folgende Situation:

Von meinem Fahrradladen aus hörte ich schon aus großer Entfernung ein lautes, anhaltendes Schreien. Als ich aus dem Laden heraus auf den Bürgersteig trat, näherten sich ich auf dem gegenüberliegenden Bürgersteig eine Mutter mit einem ca. 5 Jahre alten Mädchen, das so laut weinte, dass es von den Häuserwänden schallte. Es versuchte, sich von seiner Mutter, die es an der Hand hielt, loszureißen und fing schon an zu hyperventilieren.

Die Mutter redete laut auf das Kind ein und versuchte es, an der Hand hinter sich herzuziehen, aber die Abwehrbewegungen des Kindes wurden um so stärker, je mehr sie auf das Kind einredete. Das Kind riss sich immer wieder von der Hand los, lief ein paar Meter, blieb stehen und weinte unablässig. Ich ging zu der Mutter.
„Hallo, dein Kind weint sehr. Was ist denn passiert?“ Das Kind entfernte sich von der Mutter und lief zu den geparkten Autos am Fahrbahnrand.
„Das Theater geht jetzt schon so, seit wir zuhause losgegangen sind“, sagte die Mutter. „Sie wollte keine Jacke anziehen. Dann hab ich gesagt, wenn sie keine Jacke anzieht, kriegt sie kein Eis. Und jetzt ist sie sauer. Muss sie durch.“ Die Mutter lächelte gequält.
„Manchmal ist es gar nicht so leicht, Geduld aufzubringen“, sagte ich. „Darf ich ein paar Worte mit ihr sprechen?“
„Von mir aus.“
Ich versuchte mich dem Kind zu nähern, aber es umrundete das Auto und blieb nun auf der Fahrbahn hinter dem Auto stehen.
Nun hatte die Mutter Angst, das Kind könnte von Autos angefahren werden. Zwar war es eine verkehrsberuhigte Straße mit wenig Verkehr, aber sie ging hinter ihrem Kind her, um es auf den Bürgersteig, der hier 8 Meter breit war, zurück zu drängen.

Da das Kind nicht mit mir sprechen wollte, wandte ich mich der Mutter zu.

„So kannst du jetzt ja auch schlecht weiter, oder? Manchmal hilft es, ein wenig Zeit verstreichen zu lassen. Lass uns ein wenig hin setzen, damit sich deine Tochter beruhigen kann. Manchmal braucht es Zeit. Sie ist ganz außer sich. Und vielleicht wird es dir auch gut tun?“
Die Mutter setzte sich mit mir auf die Kante des Bürgersteigs, während das Kind einige Meter entfernt stand und ohrenbetäubend laut weinte.
50 Meter weiter öffnete sich plötzlich eine Ladentür. Ein Mann kam heraus und schrie: „Wann hört endlich das Geschrei auf, das ist ja nicht auszuhalten!“ und schlug die Türe wieder zu. Das Kind bekam einen Schreck und lief wieder auf die Straße. Ich stand auf und ging auf die Fahrbahn, um das Kind zu beruhigen zu versuchen. Ein guter Nachbar kam aus seinem Cafe, um zu helfen, ich bedankte mich bei ihm und sagte, dass ich mich bereits kümmere. Die Leute blieben teilweise stehen und schauten von allen Seiten. Der Nachbar ging wieder zurück zu seinem Cafe.
Als ich mich in 3 Meter Entfernung nieder kniete und zu dem Mädchen sagte, „hast du dich gerade doll erschreckt?“, und das Kind sich etwas zu beruhigen schien, kam plötzlich ein ca. 35 jähriger Mann über die Straße gelaufen, ging schnurstracks auf das Kind zu und rief: „Was schreist du denn so laut, gibt doch gar keinen Grund, so laut zu schreien!“
Ich ging ihm sofort mit abwehrenden Händen entgegen und bat, Abstand zu halten.
„Ich kümmere mich schon um das Kind“, sagte ich.
Da schnauzte er mich an:
„Was willst du denn?! Was bist du denn für ein Assi, dass du mir was vorschreiben willst?! Du hast mir gar nix zu sagen!“ Laut schimpfend zog er davon.
Das Kind war nun aber wieder auf die andere Seite gerannt und als erneut die Ladentüre aufging und der Mann von dem Laden erneut und diesmal noch lauter brüllte, die Göre solle endlich still sein, lief das Mädchen schrill weinend den Bürgersteig lang Richtung Eisdiele.

Ich ging zu der Frau, die sich nun wieder erhoben hatte, und sagte: „Lass dich bitte von solchen Leuten nicht deprimieren. Dein Kind befindet sich gerade in seelischer Not. Weißt du, sie braucht dich jetzt. Sie braucht das Gefühl, von dir angenommen und geliebt zu sein, egal, was sie macht. Nimm sie in den Arm, wenn du kannst, und wenn sie will, sie fühlt sich gerade so einsam. Die Kleinen sind so auf uns angewiesen. Vielleicht macht ihr ja heute noch was schönes zusammen. Ich wünsche dir viel Geduld.“
„Danke“, sagte die Frau und eilte ihrem Kind hinterher. Ich sah sie dann das Kind an der Hand nehmen und eine Minute darauf war es still.

Eine Stunde später:

Ich war zurück in meinem Fahrradladen. Mit einem Male stand die Frau mit ihrem Kind in der Türe und lächelte.
„Ich wollte mich noch mal für vorhin bedanken“, sagte sie. Ihr Kind wirkte fröhlich und zufrieden. Ich freute mich, dass es ihnen jetzt besser ging und bedankte mich fürs zuhören. Als sie ging, winkte ich dem Kind, das unablässig zu mir her schaute.

Über ein Erlebnis, bei dem Marko nicht soviel erreichen konnte, schreibt er hier: Wenn fremde Kinder weinen…

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