Wenn fremde Kinder weinen…

…geht das uns oft sehr nahe.
Wenn wir mit unseren Kindern einfühlsam und auf Augenhöhe leben wollen, schmerzt es uns, wenn wir heftige Auseinandersetzungen mitbekommen. Manchmal hilft es, wenn wir versuchen den Konflikt zu entschärfen. Wie das funktionieren kann,  schreibt Marko in dem Artikel: „Wenn du die Jacke nicht anziehst, kriegst du kein Eis“.
In einen Konflikt hineinzugehen ist immer eine Gratwanderung. Die Eltern erreichen. Deeskalieren. Hilfe anbieten.
Oft, aber nicht immer klappt das.

Über ein Erlebnis, bei dem er nicht soviel erreichen konnte, schreibt er  in dem Artikel.
Wie geht es euch damit, wenn ihr gewaltvolle Auseinandersetzungen mitbekommt? Habt ihr auch schon eure Hilfe angeboten? Findet ihr es richtig, zu intervenieren?

Jetzt aber zu Markos Geschichte:

Ich war mit meinem 7 jährigen Sohn Samuel auf dem Flohmarkt unterwegs, wir schauten uns entspannt ein paar Dinge an. Er wollte gerne so einen leckeren Crepe haben, aber leider stellten die sich als türkische Teigtaschen mit Fleischinhalt heraus, und die mochte er nicht.

Da hörte ich lautes Weinen eines Kindes und sah einen Mann, der ein ca. 7 jähriges Mädchen an der Kapuze ihrer Jacke hinter sich her zog, begleitet von einer Mutter mit einem Baby im Kinderwagen.

Ich ging zu dem Mann und sagte: „Hallo. Dein Kind weint! Was ist los?“

Er sagte: „Die Zicke macht nur Probleme. Sie will immer nur ihren Kopf durchsetzen. Ich hab ihr gesagt, wenn sie lieb ist, kann sie sich hinterher was aussuchen. Aber sie hört nicht. Seit einer Stunde geht das jetzt schon so. Es reicht.“
Er hatte mittlerweile seine Tochter los gelassen, worauf sie einen halben Meter Abstand zu ihm genommen hatte, und dann weinend stehen geblieben war.
„Darf ich ein paar Worte mit deinem Kind reden?“, fragte ich den Mann.
„Von mir aus“, sagte der Mann. „Das wird nichts ändern. Sie ist eine Zicke.“

Ich kniete mich zu dem Mädchen herunter, die ein wenig ruhiger geworden war, worauf sie scheu zurück wich und mich aus den Augenwinkeln heraus beobachtete. Dann sagte ich mit zarter, weicher und verständnisvoller Stimme ganz von Herzen: „Du bist frustriert, weil du auch gerne was angeschaut hättest?“
Sie brach sofort in ein herzerweichendes klagendes Schluchzen aus, ihre Schultern sackten zusammen, die Tränen liefen herunter.

Ich kam zu keinen weiteren Worten, denn der Mann kam an und befahl: „Los jetzt, weiter!“ Als er das Kind greifen wollte, lief es 10 Meter weg und suchte hinter einem Auto Schutz. Dort stand es mit verzweifeltem Gesichtsausdruck und wartete.

„Du hast gerade Probleme mit deiner Tochter…“, versuchte ich ein Gespräch mit dem Vater.
„Nein, ich nicht! Sie ist zickich. Immer zickt sie rum!“, antwortete der Vater und ging zu dem Mädchen, schnappte es sich und warf es wie einen Sack Kartoffeln über seine Schultern. Sofort schrie das Mädchen los, aber der Mann ging zu seinem Auto und zwängte das Kind auf den Beifahrersitz, kurbelte das Fenster der Beifahrertüre herunter, schlug die Türe zu, beugte sich durchs geöffnete Fenster und schnallte das Kind an.

Als er an mir vorbeilief, fasste ich ihn sanft an der Schulter. Ich sagte: „Es ist manchmal nicht leicht. Ich habe auch Kinder.“ Ich deutete auf Samuel, der die ganze Zeit alles beobachtete. „Manchmal mache ich auch nicht alles richtig. Aber die Kinder brauchen unsere Geduld. Sie haben nur uns Eltern!“
„Weiß ich“, sagte der Mann. „Aber du kennst meine Tochter nicht. Sie ist eine Zicke.“
Mit diesen Worten packte er den Kinderwagen ins Auto, die Mutter setzte sich stumm mit dem Baby auf die Rückbank und er sich hinters Steuer.

Ich ging ans geöffnete Autofenster, schaute in die traurigen Kinderaugen des Mädchens und sagte: „Du darfst traurig sein. So wie du bist, bist du okay!“, und winkte dem abfahrenden Auto hinterher. Mir kamen die Tränen, weil ich so wenig für das Kind hatte tun können und, weil der Mann nichts von dem verstanden hatte, was ich gesagt und gemeint hatte. Weil ich sein Herz so wenig erreichen konnte. Solche Situationen sind wirklich frustrierend.

Ich besprach hinterher mit Samuel die Situation und erklärte, wie frustrierend es für einen ist, wenn man als Zicke abgestempelt wird. Kein Wunder, wenn das Kind in Gegenwehr trat. Was hat es denn für Möglichkeiten. Das Kind soll lieb sein, sagt der Vater. Damit kann das Kind überhaupt nichts anfangen. Wenn ich konkret sage, welches Verhalten mich in Schwierigkeiten bringt, wenn ich genau meine Bedürfnisse und Gefühle benenne, zum Beispiel, dass ich jetzt keine Zeit mehr habe, weil ich einen wichtigen Termin zuhause habe, oder nicht weiter herumbummeln kann, weil ich erschöpft bin und eine Ruhepause brauche, oder dass ich das Spielzeug nicht kaufen will, weil es mir zu teuer oder das Geld nicht wert ist, weil es schnell kaputt geht, dann kann das Kind etwas damit anfangen.

Dennoch kann es der Wunsch des Kindes sein, diese Sache zu besitzen. Was, wenn es immer weiter bettelt, immer eindringlicher, immer lauter, immer verzweifelter, sich da rein steigert?

Nun, ich habe dann meist gesagt: „So kann ich nicht weiter einkaufen. Das Schreien macht mich ganz wirr im Kopf, ich kann nicht mehr, ich brauche eine Pause. Lass uns kurz nach draußen oder zur Seite gehen und dort verschnaufen. Dort können wir überlegen.“
Dann bin ich aus der Situation raus gegangen mit meinem Kind. Dann hab ich gesagt: „So, jetzt können wir in Ruhe überlegen, was wir machen.“ Nun  habe ich dem Kind erst einmal eine ganze Weile aktiv zugehört.

Früher habe ich oft zu meinen Kleinkindern gesagt: „Du kannst dir das gerne wünschen. Ich kann es auf einen Zettel schreiben. Ob der Wunsch dann in Erfüllung geht, kann ich nicht versprechen.“
Das funktionierte eine Weile ganz gut. Aber dann sagte meine Tochter eines Tages: „Aber dann vergisst du das wieder. Und wenn wir dann das nächste Mal hierher kommen, ist das Heftchen nicht mehr da!“
Dann hab ich gesagt: „Wir können zuhause schauen, wie viel Taschengeld du hast. Und wenn du genug Taschengeld hast und das Geld das nächste Mal mit dabei hast, kannst du es dir kaufen. Ist das okay?“ Es war okay.

Dann sind wir wieder in den Supermarkt gegangen und konnten ganz entspannt einkaufen.
Wir geben halt unseren Kindern jede Woche Taschengeld, worüber sie wirklich selbst verfügen dürfen. Das entspannt viele Situationen. So lernen die Kinder selbst, Vereinbarungen und Verträge mit anderen zu schließen.

Sind wir mit den Kindern auf den Flohmarkt gegangen, haben wir schon vorher gesagt: „Von meiner Seite aus kannst du dir heute was für 2 Euro aussuchen. Wenn es mehr kostet, musst du halt handeln und fragen, ob du es billiger bekommst, oder du zahlst was von deinem Taschengeld dazu, oder du musst noch sparen. Oder wir finden eine andere Möglichkeit.“

Und das klappte bisher bei allen unserer vier Kinder sehr gut. Sie haben oft Sachen geschenkt bekommen und lernten sogar, dass man Sachen billiger bekommen kann, wenn man danach fragt. So lernen die Kinder, dass man in Konflikten zusammen Lösungen suchen und finden kann, die für beide Seiten okay sind und ihr Vertrauen und ihre Konfliktfähigkeit wächst. Das ist wunderbar.

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