Kinder sind Gefühlsseismographen

Gefühlsexplosionen beim Kind…

Mein ältester Sohn war noch ein kleines Kind, da hatten wir ein sehr einprägsames Erlebnis mit ihm. Wir waren gerade beim Abendessen und eine Freundin von mir war zu Besuch. Da klingelte das Telefon. Die Mutter meines Mannes war am Telefon und sagte ihm, dass seine Oma heute gestorben wäre. Mein Mann blieb beherrscht, aber ich sah in seinen Augen die Trauer. Er hatte seine Oma sehr geliebt. Sie wohnte im Haus neben seinem Elternhaus und bot Trost und Geborgenheit, wenn er unglücklich war.

Und nun war sie nicht mehr da.
Die Traurigkeit spürten wir alle, die Stimmung veränderte sich schlagartig. Unser Dreijähriger beobachte seinen Vater genau, der uns mit kurzen Worten mitteilte, dass seine Oma gestorben sei. Dann sprang unser Sohn auf, rannte in den Flur, fing an zu schreien und riss alle Jacken, Mützen und Schals von den Haken an der Wand und warf sie auf einen großen Haufen. Ein paar Schuhe landeten auch noch darauf. Er, der bisher ein recht ruhiges ausgeglichenes Kind war, tobte und schien nicht ansprechbar. Nach einer Weile sank er auf den Kleiderhaufen zusammen und wirkte völlig erschöpft. Nun endlich konnte ich ihn in den Armen nehmen und trösten.

… können auf die nicht gezeigten Gefühle der Eltern deuten.

Uns allen wurde in dem Moment klar, unser Sohn hatte in seinem Wüten den Schmerz seines Vaters ausgedrückt, den dieser gerade nicht zeigen wollte oder konnte. Er weinte die Tränen seines Vaters, die dieser gerade nicht weinen konnte. Der Gefühlsausbruch unseres Kindes hatte uns in dem Moment sehr berührt, aber auch nachdenklich gemacht.

Nicht immer jedoch ist so klar wie an diesem Abend zu erkennen, wenn die Kinder unsere Gefühle spüren und sie spiegeln.

Schwierig sind für Kinder nicht die Gefühle, die wir benennen, sondern vor allem die Gefühle, die wir verdrängen oder verschweigen. Sie spüren, dass etwas nicht in Ordnung ist, wissen aber nicht, was.

Nicht ausgesprochene Gefühle sind wie Menschen, im Nebel stehend, wissend, dass da noch andere sind, aber wo und wie sehen sie aus?

Gefühle bei anderen spüren

Kleine Kinder sind auf uns angewiesen und das Spüren der Gefühle anderer war für sie ein Überlebensvorteil und sicherte das Angenommenwerden in der Gemeinschaft. Ihr Gehirn ist dafür von Geburt an mit den sogenannten Spiegelnervenzellen ausgestattet. Die Spiegelnervenzellen werden in unserem Gehirn bereits aktiv, wenn wir eine Handlung oder einen emotionalen Zustand bei einer anderen Person nur beobachten, ohne die entsprechende Handlung selber zu vollziehen. Die Spiegelnervenzellen (auch Spiegelneuronen genannt) sind dafür verantwortlich, dass wir zum Beispiel das Gesicht spontan verziehen, wenn sich neben uns jemand versehentlich mit einem Messer schneidet.

Spiegelnervenzellen für unsere Empathie

„Spiegelzellen zu haben, die tatsächlich spiegeln, gehört zu den wichtigsten Utensilien im Gepäck für die Reise durch das Leben. Ohne Spiegelneurone kein Kontakt, keine Spontanität und kein emotionales Verstehen. Die genetische Grundausstattung stellt dem Säugling ein Startset von Spiegelneuronen zur Verfügung, die ihm die Fähigkeit verleiht, bereits wenige Tage nach der Geburt mit seinen wichtigsten Personen erste Spiegelungsaktionen vorzunehmen. Es ist jedoch von entscheidender Bedeutung, ob ihm die Chance gegeben wird, solche Aktionen zu realisieren, denn eine Grundregel unseres Gehirns lautet Use it or lose it. Nervenzellsysteme, die nicht benutzt werden, gehen verloren. Spiegelaktionen entwickeln sich nicht von alleine, sie brauchen immer einen Partner.“, schreibt der Neurobiologe Joachim Bauer in seinem Buch Warum ich fühle, was du fühlst.

Kleine Kinder können also die Gefühle, die sie bei anderen spüren, noch nicht einordnen. Sie sind der Flut der Gefühle, die über sie kommt, hilflos ausgeliefert, wenn die vertrauten Erwachsenen ihnen nicht helfen, sie einzuordnen.

„Intuitive Ahnungen können in einem Menschen entstehen, auch ohne dass sie das Bewusstsein erreichen. Man hat zum Beispiel nur ein ungutes Gefühl, weiß aber nicht, warum. Dies liegt unter anderem daran, dass es subliminale, also nicht bewusst registrierte Wahrnehmungen sein können, die in uns Spiegelneuronen aktivieren.“, erklärt Joachim Bauer.

Die Spiegelnervenzellen sind die physische Grundlage unserer Empathiefähigkeit und emotionalen Intelligenz. Sie helfen uns, den anderen in uns zu erkennen.

Raus aus dem Gefühlskarusell

Als Eltern erleben wir jeden Tag eine große Vielfalt von Gefühlen, die auf erfüllte oder unerfüllte Bedürfnisse hinweisen. Je konkreter wir diese Gefühle benennen können, desto besser können wir selbst benennen, welches Bedürfnis dahinter steckt. Sagst Du zum Beispiel: „Ich fühle mich schlecht.“, kann dein Gegenüber relativ wenig damit anfangen. Ist Dir körperlich übel, hattest Du einen Streit oder steht die Steuererklärung an? Besonders Kinder (aber nicht nur Kinder) beziehen die Aussage „Ich fühle mich schlecht“ auf sich und werden von der Stimmung angesteckt.

Gerade, wenn Du eine Pause brauchst, es aber nur durch dein Verhalten zeigst, wird dein Kind plötzlich unruhig und du verstehst gar nicht, was mit ihm los ist. Dabei könntest Du gerade etwas Ruhe gebrauchen und wünschst Dir, dein Kind würde auch ruhig sein. Aber gerade wegen seiner angelegten Empathiefähigkeit übernimmt es deine Stimmung. Es ist aber noch nicht in der Lage, zu verstehen, was jetzt mit ihm los ist.

Sagst Du aber: „ Ich habe heute Nacht noch an einem Text gearbeitet, den ich heute fertig haben wollte. Jetzt habe ich wegen dem Schlafmangel Kopfschmerzen und fühle mich erschöpft. Ich lege mich mal für eine Stunde hin. Du kannst Dich zu mir kuscheln und ich kann dir ein Hörspiel anmachen.“

So wird dein Kind deine Gefühle nicht auf sich beziehen. Das, was Du sagst steht im Einklang mit deiner Mimik und Handlung, was es deinem Kind leichter macht, entsprechend auf dich zu reagieren.

Vielen Erwachsenen fällt es schwer, genau zu benennen, was in ihnen vorgeht. Sie haben es nicht gelernt, in sich hineinzuspüren. Um in ein tiefes Verstehen mit deinem Kind zu kommen, ist es deswegen wichtig, dir Raum zu geben, um deine eigenen Gefühle wahrzunehmen. Wenn Du morgen hektisch wirst, weil du unbedingt pünktlich zum Kinderladen kommen willst, wird dein Kind kaum ruhig bleiben. Es spürt deine Anspannung und antwortet mit demselben Gefühl. Es hilft, für einen Moment aus der Situation herauszutreten, ruhig zu atmen und wieder zu sich zu kommen.

Nicht jeder Gefühlsausbruch des Kindes liegt an unseren inneren Zuständen und äußeren Handlungen. Aber besonders dann, wenn eine Situation unerklärlich erscheint, ist es wichtig, auch bei Dir selbst zu schauen und zu spüren, welche Gefühle gerade in Dir lebendig sind und auf welche Bedürfnisse sie hindeuten. Wir haben das Werkzeug, einander und uns selber besser zu verstehen. Wenn wir uns dafür die Zeit und Ruhe nehmen, wird der Familienalltag entspannter werden.
Dagmar Gericke

Buchtipp:

Warum ich fühle, was du fühlst
Joachim Bauer
Heyne Verlag

Gewaltfreie Kommunikation
Eine Sprache des Lebens
Marshall B. Rosenberg
Jungfermann Verlag

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4 Kommentare - Sei der Nächste

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