Warum ich meine Kinder nicht auf die Zukunft vorbereite

Zeitreise Zukunft

„Dieser Verbindung wird nicht getraut“ erscheint als Warnung meines Browsers, als ich bei der Recherche zum Thema Zukunft die Webseite Zeitreise Zukunft anklicken will. … es kann … nicht überprüft werden, ob die Verbindung sicher ist… lese ich.
Wow. Soviel Weisheit hätte ich von meinem Browser nicht erwartet. Ich bin beeindruckt.

Wollen doch so viele, ob Schulen, Sportverbände, Banken oder Unternehmensberater ihre Leute auf die Zukunft vorbereiten. Mit uns kann Euch nichts Schlimmes passieren, Ihr seid gewappnet, so ist die Message.

Frühförderung oder Frühforderung

Der Leichathletikverband Rheinland Pfalz will „ Talente auf die Zukunft vorbereiten“, die Universität St. Gallen fragt sich „Wie können Personaler und Führungskräfte ihre Unternehmen auf die Zukunft vorbereiten?“ und in China wollen bereits Eltern „…ihre Vorschulkinder auf die Berufswelt der Zukunft vorbereiten.“ (DiePresse.com)

Eltern sind dankbare Abnehmer von Frühenglisch, frühmusikalischer Erziehung und anderen Angeboten zur Frühförderung, aus Angst, ihr Kind könnte von anderen abgehängt werden. Ein ganzer Wirtschaftszweig lebt von der allgemeinen Verunsicherung. Doch was bleibt mit der Fixierung auf die Zukunft auf der Strecke?

Das einzige, was wir sicher haben, der Moment, die Gegenwart. Der Zeitpunkt, in dem ich sicher lebe und den ich mit Lebendigkeit füllen kann, mit meinen Kindern und allen Menschen. Der Moment, in dem mich die Augen meines Kindes anstrahlen.

Der Rhythmus des Lebens.

Jedes Kind, jeder Mensch ist anders, hat einen anderen Rhythmus im Leben.
Wie erfüllend der Augenblick ist, sehe ich auch, wenn ich meine jüngeren 3 und 6 Jahre alten Kinder im Spiel beobachte. Heute haben sie im Garten ein Indianerlager aus Decken und Kissen gebaut, schafften mit unglaublicher Energie Gegenstände herbei, die sie zur Ausstaffierung ihres Lagers brauchten und verbrachten so einige auch für mich entspannte Stunden. Später standen sie Supermarkt vor dem Süssigkeitenregal und überlegten, was sie sich kaufen wollten. Das eine war zu teuer, das andere schmeckt nicht so gut, dieses war die Lieblingssüssigkeit vom großen Bruder und musste ihm unbedingt mitgebracht werden. Einkaufen war gerade die wichtigste Sache der Welt.

Danach machte ihnen das Unospiel mit mir und dem großen Bruder solche Freude, dass sie einfach nur lachten.

Abends im Bett, kurz vor dem Einschlafen, fragte mich Samuel, mein Sechsjähriger: „Mama, ist 16 plus 16 gleich 32?“

Das war für sie ein erfüllter Tag, bei dem sie nebenbei auch jede Menge gelernt haben.

Ich bin glücklich, dass es bei uns keine Rolle spielt, ob morgen Hausaufgaben gemacht werden müssen, ein Test ansteht oder die Versetzung gefährdet ist. Die Regelschule zerstört die Fähigkeit, den Tag so zu nehmen wie er kommt. Der Tag ist getaktet in Lernzeiten und Pausen. Es sind aber keine Aufgaben, die das Kind an sich selber stellt, sondern es soll einen Bildungsplan erfüllen, der überhaupt nichts damit zu tun hat, was das Kind gerade interessiert.

Selbst, wenn man es als Eltern anders machen will, so ist das an staatlichen Schulen und einem Großteil der privaten Schulen nicht möglich. Da Kinder zutiefst sozial sind, wollen sie auch die Anforderungen dort erfüllen und setzen sich selbst damit unter Druck.
Meine ältere Tochter wollte gerne perfekte Hausaufgaben abliefern, damit sie die Anerkennung der Lehrerin bekommt. Deswegen zerriss sie ihre Aufgaben, wenn sie nicht ihren Ansprüchen genügten und fing an zu weinen.

Kinder sind achtsam.

Spüren Kinder, dass sie es nicht schaffen, kann es aber auch zu Rebellion und Verweigerung führen. Dafür verbrauchen Kinder viel Energie, die ihnen für ihr Wohlbefinden fehlt.
Später als Erwachsene wollen viele Menschen wieder erlernen, im Augenblick zu leben, weil sie sich nicht mehr genug spüren. Achtsamkeitstraining für Erwachsene ist sehr populär. Selbst für Kinder wird es bereits angeboten. Nichts gegen Achtsamkeit. Ich versuche achtsam durchs Leben zu gehen.
Doch mich beschleicht ein ungutes Gefühl, wenn ich von diesen Angeboten für Kinder lese. Erst beraubt die Gesellschaft den Kindern ihre Fähigkeit, im Augenblick zu verweilen, indem der Fokus auf etwas gelegt wird, was in der Zukunft liegt: die Noten, die Ferien, die Klassenarbeit…. Und dann sollen Kinder in Kursen wieder gegenwartsorientiert leben lernen. Dabei sind Kinder die eigentlichen Lehrmeister des Augenblicks. Sie brauchen keine Kurse.

Soviel besser ist es doch, einfach auf das Leben zu vertrauen.

Was ist die Gegenwart?

Der Duden definiert die Gegenwart mit den Worten: Zeit, in der man gerade lebt, während die Zukunft als Zeit, die noch bevorsteht, die noch nicht da ist erklärt wird. In der einen lebe ich also, während die andere noch nicht da ist. Das Streben vieler Menschen jedoch ist auf die Zeit ausgerichtet, in der sie noch nicht leben, in der Hoffnung, dann mehr Geld, Glück, Liebe, Macht oder Können zu haben. Bildungskritiker werfen dem Schulsystem vor, nicht auf die Zukunft in einer veränderten Welt vorzubereiten. Schließlich sind nicht mehr gehorsame Untertanen, sondern kreativ denkende Menschen gefragt.

Zwang war nie gerecht

Bei allem Verständnis für die Kritik am heutigen Bildungssystem war es für mich auch früher nicht gerechtfertigt, Kinder in ein System zu zwingen, dass viele unglücklich gemacht hat, nur damit Untertanen produziert werden. Und ich wünsche mir eine Welt, in der nicht der Blick in die Zukunft unser Leben bestimmt, sondern die Qualität der Gegenwart. Denn der Blick auf die Zukunft vernebelt die Gegenwart vieler Familien. Die Angst, ihr Kind könnte nicht all das was es für die Zukunft braucht, verhindert oft einen entspannten Alltag.

Wie lernen Kinder?

Und doch, wie lernen denn eigentlich Kinder, wenn sie es so können, wie sie wollen?
Dann lernen sie das, was sie brauchen und was sie interessiert, egal, ob sie es später mal gebrauchen könnten. Wenn sie aber etwas interessiert, dann lernen sie mit Leichtigkeit und intensiv.

Mein ältester Sohn zum Beispiel wollte gern Gitarrespielen lernen und nahm Unterricht. Es war ihm lange Jahre sehr wichtig, auch wenn er Zeiten hatte, in denen er wenig übte. In den ersten Jahren war es für ihn aber sehr schwer, Noten zu lesen und Tonleitern zu verstehen. Wir fanden einen geduldigen Lehrer, bei dem er mit einem Aufnahmegerät die Lieder aufnehmen und zu Hause nachspielen konnte. Dadurch entwickelte er ein gutes Gehör. Nach einigen Jahren kam er damit an eine Grenze, weil er eigene Lieder aufschreiben wollte. Also bat er seinen Lehrer, mit ihm die Tonleitern und Noten zu erarbeiten. Daraus wurde ein eigener anspruchsvoller Songwritingkurs, für den mein Sohn intensiv lernte.

Ich war froh, dass wir ihn nie gedrängt haben, Noten zu lernen, sondern ihm vertraut haben. Hätte er weiterhin nur nach Gehör gespielt, wäre es genauso okay gewesen, solange, das, was er tut, ihn erfüllt. So war es für mich aber auch eine gute Erfahrung, dass das Lernen seinen ganz eigenen Rhythmus hat und ich dem vertrauen kann. Seine Freude am Gitarrenspiel wurde nicht getrübt durch den Stress, doch jetzt endlich mal Noten lernen zu müssen.

Eigene Ziele, nicht die Ziele anderer erfüllen

Denn in der Gegenwart leben heißt nicht, keine Ziele zu haben, keine Pläne zu machen. Aber es sind eigene Ziele, die wir verfolgen und die Beschäftigung mit diesen Zielen verschafft von Anfang an gute Gefühle.

Möchte ich zum Beispiel ein schwieriges Klavierstück lernen, dann bereitet mir das Üben Befriedigung, ich komme, wenn ich die Ruhe dafür habe, schnell in einen Flow. So geht es mir und auch meinen Kindern mit vielen Beschäftigungen. Samuel, mein sechsjähriger Sohn rechnet so gerne, dass er immer wieder über Zahlen und Aufgaben nachdenkt und Aufgaben von uns einfordert. Da braucht es keinen Bildungsplan. Rechnen macht ihm einfach Freude.

In unserer Gesellschaft sind die meisten Menschen es so gewöhnt, dass es mit Selbstüberwindung verbunden sein muß, wenn ein Ziel anvisiert wird, dass es nicht mehr hinterfragt wird. Aber die unguten Gefühle bei einer Sache sind ein Hinweis darauf, dass etwas nicht stimmt. Habe ich beim Üben des Klavierstücks keine Freude, sondern bin angespannt und muß mich zum Üben überwinden, kann das bedeuten, dass es vielleicht zu schwierig für mich ist und ich etwas auswähle, was gerade zu mir besser passt.

Deswegen vertraue ich darauf, dass meine Kinder all das leben und lernen, was sie für ein glückliches Leben brauchen, wenn sie in Kontakt mit sich selbst sind und wir als Eltern das wahrnehmen, was sie gerade brauchen.

 

Aus dem Zen Buddhismus:

Ein Schüler fragte einmal seinen Meister, warum dieser immer so ruhig und gelassen sein könne. Der Meister antwortete:
Wenn ich sitze, dann sitze ich. Wenn ich stehe, dann stehe ich. Wenn ich gehe, dann gehe ich. Wenn ich esse, dann esse ich ….

Der Schüler fiel dem Meister in Wort und sagte:
Aber das tue ich auch! Was machst Du darüber hinaus?

Der Meister blieb ganz ruhig und wiederholte wie zuvor:
Wenn ich sitze, dann sitze ich. Wenn ich stehe, dann stehe ich.
Wenn ich gehe, dann gehe ich ….

Wieder sagte der Schüler: „Aber das tue ich doch auch!

Nein, sagte da der Meister. Wenn Du sitzt, dann stehst Du schon.
Wenn Du stehst, dann gehst Du schon. Wenn Du gehst, dann bist Du schon am Ziel.

Matthäusevangelium 6, 25 – 34

Sorgt nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung? Seht die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. …Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen.

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