Nein, es ist nicht „normal“, wenn dein Kind den ganzen Supermarkt zusammenbrüllt!

An den Vater, dessen Hand sich gerade über den Mund des Kindes legen wollte, das schrie und schrie.

Dein Kind schrie so sehr, dass ich nicht anders konnte, als nach euch zu suchen. Ich stand gerade an der Kasse.
Fand euch hinten am Kühlregal, dein vielleicht zweijähriger Sohn saß im Einkaufswagen.

Weinte.

Und weinte.

Du nahmst scheinbar gelassen Waren aus dem Regal, während deine Hand fast am Mund deines Kindes klebte. Die lauten Töne sollten drin bleiben.

Ich sprach dich an.

„Kann ich dir irgendwie helfen?“

Dein Sohn wurde schlagartig ruhig. Mit weitaufgerissenen Augen schaute er mich an und hörte zu.

„Ich kann deinen Einkaufswagen schieben,“ bot ich an, „es ist ja manchmal nicht einfach, mit Kind einkaufen zu gehen.“

„Nein, danke für das Angebot. Der will runter und durch die Gänge rennen.“

„Ich könnte mit ihm durch die Gänge gehen. Ich habe gerade kein Kind bei mir.“

„Nein. Er muss lernen, dass er da auch mal drin bleiben muss. Irgendwann hört er schon auf zu weinen.“

Dein Sohn, der tatsächlich gerade still war, schaute mich weiterhin an.
Ich sagte dir noch, dass es einen Weg gibt, einzukaufen, mit viel weniger Tränen. Ohne Schreien. Entspannter. Mit dem Kind. Und dass es völlig okay ist, Hilfe anzunehmen.

Vielleicht dachtest du: „Du blöde Schnepfe. Hör auf, so klugzuscheißen! Der muss nun mal lernen, wo es langgeht.“

Dabei will ich dich nicht verurteilen. Ich weiß selbst, wie hilflos ich mich in manchen Situationen schon gefühlt habe. Es ist manchmal verdammt schwer, den richtigen Weg zu finden.

Aber ich weiß auch, dass Gewalt keine Lösung ist. Und dass dein Kind aus schierer Not geschrien hat. Und nicht aus „Trotz“. Manchmal weinen Kinder. Weil sie die Situation überfordert und sie noch keine andere Ausdrucksmöglichkeit gefunden haben. Manchmal schreien sie, weil UNS die Situation überfordert. Wir zu rigide sind.

Doch das Schreien ist nicht das Problem.

Es ist ein Signal: „Bitte, hilf mir.“

Und dann bietet sich für uns die unglaubliche Chance, etwas zu ändern. EInen Break zu machen. Egal, ob die anderen gucken. Gehe in Kontakt mit deinem Kind. Mit dir selbst. Finde ungewöhnliche Lösungen.

Denn eins ist sicher.

Dein Kind lernt nichts, wenn es schreit. Es ist dann völlig blockiert. Es spürt nur, dass es nicht gehört wird.

Du sahst aus, wie ein Vater, der in anderen Situationen sicher liebevoll sein kann. Ja, doch, symphatisch.
Wahrscheinlich wußtest du einfach keinen anderen Weg, als dein Kind zu ignorieren.
Weil es immer noch in unserer Gesellschaft als „nachgiebig“ verschrien ist, wenn du auf dein Kind eingehst.

Die größte Liebe ist es, wenn wir es schaffen, auch in schwierigen Situationen uns bewusst zu machen, das gerade dann unser Kind unsere Unterstützung braucht.

Ich bin dazu gekommen, weil ich, wenn ich einen Menschen in Not sehe, helfen möchte. Egal, ob es ein Kind ist oder ein Erwachsener. Ja, ich möchte auch, dass mir jemand hilft, wenn ich gerade gestresst bin und mir Unterstützung gut tun würde. Weil Unterstützung nun mal das Leben leichter macht. Doch Unterstützung anzunehmen, ist für uns oft das Schwerste. Ist doch eines der Glaubenssätze dieser Gesellschaft: Das schaffe ich allein.

Keiner ist ein Versager, weil er Hilfe braucht. Im Gegenteil! Hilfe anzunehmen, gar danach zu fragen, ist ein Zeichen von Stärke.

„Aber es ist doch mein Kind. Das geht niemanden etwas an.“
Den Satz habe ich schon so oft gehört und gelesen.

Nein!

Dein Kind?

Jeder Mensch, egal welchen Alters, gehört nur sich selbst.

Wenn Worte wie „dein“ oder „mein“ eine Beziehung darstellen, die ich zu der Person habe, ist das ja völlig okay.
Ich stelle es aber in Frage, wenn „mein“ benutzt wird, um Übergriffe von Erwachsenen zu bagatellisieren, weil das Kind wie ein Besitz behandelt wird.

Unser Kind braucht uns Eltern, als Menschen, die Verantwortung für die Qualität der Beziehung übernehmen. Als Menschen, die ihm Rückhalt bieten und es durch die Welt geleiten. Das bedeutet sehr oft Arbeit an uns selbst. Denn die Glaubensmuster in uns behindern oft den Kontakt zum Kind.

Die Menschen im Supermarkt ignorierten das Weinen des Kindes. Keiner eilte zum Kind.

„Der will wohl seinen Willen durchsetzen!“, meinte die Kassiererin. Sie schaute zur Nachbarkassiererin und nickte ihr zu.

„Ich war in Ländern, da wäre der ganze Supermarkt zusammengelaufen, wenn ein Kind so geweint hätte. Weil es dort so etwas außergewöhnliches ist.  Da ist es normal, ein Kind zu trösten, nicht, es schreien zu lassen“, sagte ich zu ihr

„Dafür gibt es da bestimmt was anderes“, sagte sie. Na, klar.

An dich, Kind mit den großen, blauen Augen

So ein Supermarkt ist aufregend. So viele Gänge. Es riecht so intensiv. Und so viele Dinge. Bunt und leuchtend liegen sie da. Verlockend.

Und die Erwachsenen nehmen sich immer wieder etwas von diesen bunten Dingen und legen es in ihren Einkaufswagen.

Du möchtest auch so gerne was von den bunten Dingen nehmen.
Manche von den Dingen schmecken sogar lecker. Das weißt du schon.
Du möchtest einfach nur so unwahrscheinlich gerne dir alles anschauen. Auch mal was in die Hand nehmen. In den Korb legen.

Aber du darfst nicht.
Sollst im Einkaufswagen sitzen.

Still sein. Nichts tun.

Deswegen weinst du. Du bist doch auch da.
Ich finde dich stark. Trotz alledem, trotz der Ablehnung, die dir entgegenschlägt, zeigst du, was du willst. Was du brauchst. Schreist deine Traurigkeit in die Welt, wie es kaum noch ein Älterer sich traut.
Auch wenn das sicher manchmal nötig wäre. Die Traurigkeit herauszulassen.

Du bist echt stark.

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