Warum es so lang dauert, bis Frieden in unsere Herzen, unsere Familie und unsere Welt einzieht

„Wir alle wollen ja den Frieden.“

Mit den Worten drückte Astrid Lindgren unseren innigsten Wunsch aus. Ja, wir wollen Frieden. Warum ist es nur so schwer, Frieden zu finden und Frieden zu schaffen.

Die Nachrichten über kriegerische Auseinandersetzungen in der Welt überrollten uns in den vergangenen Jahren.
Menschen verlassen ihre Heimatländer, riskieren und verlieren dabei oft ihr Leben, in der Hoffnung, einen friedlichen Platz für sich und ihre Kinder zu finden.

Der Ton wird rauer.

Und wir selbst?

Astrid Lindgren dachte darüber nach, wie wir Frieden schaffen können:

„Gibt es denn da keine Möglichkeit, uns zu ändern, ehe es zu spät ist? Könnten wir nicht versuchen, eine ganz neue Art Mensch zu werden? Wie aber soll das geschehen und wo sollte man anfangen? Ich glaube wir müssen von Grund beginnen. Bei den Kindern…“

Wenn du hier bei mir mitliest, dann ist das sicher auch dein Wunsch: durch den Frieden in der Familie mehr Frieden in die Welt zu bringen.

Und doch ist das so verdammt schwer.

Denn es reicht nicht, sich zu sagen: Ab jetzt lebe ich friedlich.

Der Vorsatz hält solange, bis eine Situation kommt, in der uns heftige Gefühle überrollen.

Der große Bruder krallt sich im Arm der Schwester fest und sie brüllt, so dass durch dich eine Adrenalinwelle schwappt.

In der Küche steht alles voll dreckigem Geschirr, obwohl dein Partner den ganzen Tag zu Hause war, während du mit den Kindern unterwegs warst.

Aber was passiert, wenn wir den Ärger, den wir spüren, in einer heftigen Reaktion rauslassen?

Kannst du nicht einmal deine Schwester in Ruhe lassen. Immer musst du sie ärgern!“

„Wie sieht’s denn hier aus? Bleibt denn alles an mir hängen?“

Dein Gegenüber wird den Angriff abwehren und schnell ist eine Eskalation da.

Wollen wir das?

Nein!

Wir wollen doch alle, wie Astrid Lindgren schrieb, den Frieden. Im Großen wie im Kleinen.

In der Welt und in unserem Heim.

Besonders zu Weihnachten ist das Bedürfnis nach Harmonie in vielen Menschen enorm.

Friede, Liebe, Barmherzigkeit.

Das sind Werte, die heute genauso wichtig sind wie vor 2000 Jahren, als ein junger Mann mit seinem Wirken die Glaubenssätze vieler Menschen auf den Kopf stellte.

Lasst uns einen Ausflug in die Vergangenheit machen, um zu verstehen, was uns das Leben heute noch so schwer macht.

Es geht um die Frage, wann die Gewalt in das Leben der Menschen zog.

Und warum es so schwer ist, davon loszulassen.

Vor ungefähr 10.000 Jahren fand ein tödlicher Angriff auf ein Dorf statt, von dem Wissenschaftler noch heute anhand von Skelettfunden wissen.

Das ist der erste Nachweis von einem größeren Angriff auf eine Menschengruppe.
Bis dahin lebten, soweit wir es wissen, die Menschen weitestgehend friedlich in Gruppen als Jäger und Sammler.

Den allergrößten Teil unserer Menschheitsentwicklung haben die Menschen ohne Krieg und Zerstörung verbracht.

Auch die Vorstellung, der Homo Sapiens hätte den Neandertaler verdrängt, indem er ihn ausrottete, ist widerlegt.

Die Menschenarten der Vorzeit sind sich begegnet und haben wohl auch zeitweise miteinander gelebt. Denn Gene des Neandertalers sind auch in unserem Erbgut zu finden. Wie dieser Kontakt ausgesehen hat, wissen wir nicht. Aber in einer Welt, in der noch ausreichend Platz für alle war, schien die Neugier aufeinander groß genug, um Spuren in Form von Nachkommen zu hinterlassen.

Diese Erkenntnis der vergangenen Jahre schafft ein neues Bild vom Urmenschen.

In uns, dem modernen Menschen, lebt der Neandertaler weiter. Und auch die Gene von anderen vorzeitlichen Menschenarten. Diese Gene sind noch heute Zeugen der Begegnungen, die vor Zehntausenden von Jahren stattfanden.

Mit der Erfindung des Ackerbaus kam eine neue Dimension in die Kultur: der Besitz.

Auf einmal gab es etwas, was außer dem eigenen Leben und dem der Familie zu verteidigen war.

Solange Raum genug für alle war, warf das auch keine Konflikte auf. Doch auch damals gab es Naturkatastrophen und diese schienen gewaltvolle Konflikte beflügelt zu haben.

Nach Professor James de Meo gibt es einen erstmaligen Ausbruch kriegerischer Auseinandersetzungen durch die Wüstenbildung in Afrika vor ca. 6000 Jahren. Die Ressourcen wurden knapper, die Menschen litten Hunger. Er beschreibt in seiner „Saharasia-Theorie“, was durch Hunger im Körper geschieht. Hunger hinterlässt im Gehirn von Kinder nachweisbare Spuren. Das Gehirn zeigt ähnliche Veränderungen wie im Gehirn von Kindern, die Gewalt erlebt haben. (Hier kannst du mehr über die These von Professor de Meo lesen)

Dadurch verändert sich das Verhalten der Menschen, so erklärt de Meo, und die Neigung zu aggressive Handlungen, um sich die eigenen Bedürfnisse zu erfüllen, steigt. Er beschreibt auch, wie durch die zunehmende Gewalt in den Regionen der heutigen Sahara die Mutter-Kind-Bindung gestört wurde und sich so Kindheitstraumen multiplizierten.

Zeitgleich entwickelten sich die ersten Städte und Hierarchien. Es gab nun Menschen, die über andere Menschen herrschten und die mehr hatten als andere Menschen.
Das, was für uns heute so normal ist, ist entwicklungsgeschichtlich gesehen ein nicht mehr als das Zucken unseres Augenlids: nämlich die Tatsache, dass der Besitz unterschiedlich verteilt ist.

Ein paar Tausend Jahre später kam die Erfindung des Schwertes hinzu. Das war die erste Waffe, die ausschließlich dem Krieg und dem Töten diente und nichts anderem. Auch das war neu.

Es entstanden immer mehr Länder, die auch Kriege führten, um ihr Reich zu erweitern. Aufstände wurden blutig niedergeschlagen.

Vor 2000 Jahren herrschte das Römische Reich über weite Teile der damals bekannten Länder.
In Judäa herrschte der jüdische König Herodes mit dem Römischen Reich als sogenannte Schutzmacht.

Die Menschen mussten hohe Abgaben zahlen und die Unzufriedenheit der Juden wuchs. Viele wollten sich damit nicht mehr abfinden und es gab neben einigen Sekten, die den Menschen auf ihre Weise das Heil versprachen, auch aufständische Gruppen. In der Luft hing der Geruch von Revolution.

In diese Welt wurde ein Baby geboren, den wir heute als Jesus Christus kennen.

Als er mit Anfang dreißig begann, die Menschen um sich zu sammeln, waren seine Botschaften revolutionär.

Er nahm Menschen zu sich, die sich ganz unten in der Hierarchie ansammelten und mit denen keiner etwas zu tun haben wollte: Prostituierte, Zöllner, Bettler.

Zu seiner Gruppe zählten Frauen genauso wie Männer. Das allein war in der stark patriarchalisch geprägten Gesellschaft eine Revolution.

Er wollte Konflikte nicht durch Gewalt, sondern durch Liebe und Empathie lösen. (Wie, kannst du in diesem Artikel von Mathias Rudolf lesen)
Gemeinschaft leben, das war eine zentrale Botschaft der frühen Christen.

Und: Es ist für alle genug da.

Das ist für mich die Aussage bei der Speisung der 5000, als bei einer Versammlung das Essen ausging. Wie durch Zauberkraft vermehrte sich das Brot und der Fisch, den Jesus an die Menschen gab. Sie gaben es weiter, nachdem sie sich genommen hatte. Und es reichte für alle. Weil sie weitergaben, was sie nicht brauchten.

Und ob wir nun Christen sind oder nicht, das sind Werte, die uns allen die Welt friedlicher machen.

Die frühen Christen stellten mit ihrem Leben und Wirken die Glaubensätze vieler anderer auf den Kopf. Die Botschaft, die sie verbreiteten, hatte eine große Anziehungskraft, denn Menschen, die sich vorher ihrem Schicksal ergeben hatten, sahen nun Hoffnung auf ein anderes Leben.

Was daraus im Laufe der Jahrhunderte geworden ist, steht auf einem anderen Blatt.

Das Christentum breitete sich so rasant aus, dass der römische Kaiser Theodosius das Christentum zur Staatsreligion machte und ihm so seine gesellschaftsverändernde Kraft nahm.

Das alles ist lange, lange her. Doch der Wunsch nach Frieden, Liebe und Gerechtigkeit ist immer noch in den Herzen der meisten Menschen.

Doch was es uns so schwer macht, all diese Werte allein durch Kraft unseres Verstandes zu leben, ist, dass die Gewalt in uns steckt.

Die Spuren der Gewalt von 10.000 Jahren Menschheitsgeschichte steckt in uns. In unserem Körper, unseren Köpfen und unseren Genen.

Gewalt hinterlässt Spuren in den Strukturen des Gehirns, das wissen wir heute.

Die Gene werden durch die Umwelterfahrungen, die ein Mensch macht, verändert. Diese veränderten Gene werden weiter vererbt. Auch das wissen wir jetzt.

Wir sind kein unbeschriebenes Blatt, wenn wir auf die Welt kommen.

Krieg, Hunger; Herrschaft und Unfreiheit prägte das Leben der letzten Jahrtausende.

Eine so lange Periode ohne kriegerische Auseinandersetzung, wie wir sie gerade in Mitteleuropa haben, gab es früher nicht.

Unsere Urgroßeltern, Großeltern und auch noch einige Eltern waren zutiefst traumatisierte Menschen.

Sie gaben diese Traumatisierungen weiter, durch ihr Verhalten. Wenn nicht durch körperliche Gewalt, dann durch psychische Gewalt.

Das ist gar nicht lange her. Meine Schwiegermutter war als kleines Mädchen mit ihrer Mutter und ihren noch kleineren Geschwistern durch die Eiseskälte geflohen. Sie erzählte, wie sehr es ihr Angst machte, die ganzen Toten zu sehen, die steifgefroren am Wegesrand lagen. Diese Angst begleitete sie durch ihr Leben. Keiner kümmerte sich um all die traumatisierten Kinder.

Mein Vater wurde direkt von der Schulbank in den Krieg geschickt. Auch für ihn wurde die Angst sein Begleiter, nur drückte sie sich anders aus. Er wurde zwar zum überzeugten Anti-Militaristen und wir durften als Kinder noch nicht einmal mit Wasserpistolen spielen. Aber trotz seines starken Wunsches nach Liebe und Frieden brach die Gewalt immer wieder aus ihm heraus. Er konnte seine Gefühle nicht annehmen, sondern war ihnen ausgeliefert.

Lange Zeit versuchten die Menschen zu verdrängen und schafften unzählige Strategien, ihre Ängste zu betäuben.

Und dann kamen wir.

Wir alle.

Die Generationen, die keinen Krieg, keine Ermordung der Liebsten erlebt haben. Wir nehmen die Strukturen wahr, die zu Gewalt führen und wollen sie ändern. In uns und in der Welt.

Und wir wollen auch anders mit Besitz leben. Sehen Besitz nicht als grundsätzlich schlecht, aber wollen uns nicht den wahllosen Konsum ausliefern. Uns ist klar, dass Friede nur kommen kann, wenn kein Mensch mehr hungern muss. Und vor allem kein Kind mehr.

Und das ist gut so. Es macht mich so froh, dass es immer mehr Menschen gibt, die wahrhaft friedlich leben wollen. Die verstehen, dass der Friede in uns beginnt.

Und doch passiert es: Wir werden wütend, obwohl wir geduldig sein wollen.

Reagieren mit alten Glaubensmustern, die ausbrechen, wenn wir unter Stress sind.

Der Weg scheint so lange, bis wir alle miteinander harmonisch leben können.

Aber wenn wir an all die Jahrtausende voller Gewalt denken, dann hat der Weg gerade erst begonnen.

Die Liebe und den Frieden, den wir mit unserer Familie und anderen Menschen leben wollen, den brauchen wir auch mit uns selbst.

Ja, es dauert Zeit, bis Veränderungen so alltäglich geworden sind, dass sie Normalität geworden sind.

Wir erleiden auf dem Weg dahin immer wieder Rückschläge, weil das alte Verhalten noch abrufbar ist. Es lauert unter der Oberfläche.

Jetzt ist Weihnachten, das Fest der Liebe.

Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen, hören wir an dem Tag in den Kirchen des Landes.

Und gerade dieses Fest ist voll mit Erwartungen. Friedlich und harmonisch soll es sein. Doch ist es ein Fest, bei dem es manchmal heftig in den Familien kracht. Der Druck, dass alles schön sein soll, schafft Spannungen.

Aber wir dürfen Fehler machen. Wir dürfen unperfekt sein. Uns auch mal streiten.

Wir dürfen uns auch jederzeit zurückziehen, um uns zu zentrieren, wenn wir spüren, dass in uns alte Glaubensmuster die Führung übernehmen wollen.

Es geht einfach nur darum, dass wir auf den Weg sind. Auf den Weg in eine Welt, die mit Liebe und Frieden gefüllt ist. Auf dem Weg verirren wir uns manchmal, stolpern auch dabei. Das ist okay.

Doch wir finden zurück. Und werden stärker, jeden Tag. Verändern unsere Glaubensmuster, unsere Gene und die Welt um uns herum zum Besseren, Stück für Stück, Tag für Tag.

Und mit den Frieden und der Liebe, mit dem wir uns selbst begegnen, breitet sich der Friede in der Familie und in der Welt aus.

Daran glaube ich.

Wenn du noch mehr über die Wurzeln unseres Menschseins wissen willst, dann schaue in diese Bücher:Vermächtnis
Was wir von traditionellen Gesellschaften lernen können
Jared Diamond
S. Fischer Verlag

Gewalt und Mitgefühl
Die Biologie des menschlichen Verhaltens
Robert Sapolsky
Hanser Verlag

Kinder verstehen
Herbert Renz-Polster
Kösel Verlag

Blogparade vom 15.1.2018 bis zum 28.2.2018: „Als Familie durch eine Krise kommen.“

Keiner mag Krisen, doch im Laufe des Lebens begegnen sie uns unverweigerlich, ob wir nun Kinder haben oder nicht.
Weil der Umgang mit Krisen einer der größten Prüfsteine für Familien sind, veranstalte ich ab den 15.1.2018 eine Blogparade zu dem Thema „Als Familie durch eine Krise kommen.“

Mehrere Autoren schreiben über ihren Weg aus der Krise, aber auch, auf welche Resourcen und Hilfen du in einer Krise zurückgreifen kannst.
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