Einschulung – die ersten Wochen an der Freien Schule

Wie war es damals?

Erinnert ihr euch noch an den Tag eurer Einschulung?
Wie lief das bei euch ab?

Ich denke, viele von euch haben ähnliche Erinnerungen wie ich daran.

Am Tag meiner Einschulung versammelten wir angehenden Erstklässler uns mit den Eltern in der Schulaula. Drei fremde Frauen standen auf der Bühne und riefen nacheinander die Namen der Kinder auf, die ab nun zu ihrer Klasse gehören würde.
Mein Name wurde ebenfalls aufgerufen und ich stand folgsam auf und ging zu der Kindergruppe, die bereits neben der Lehrerin stand. Als wir vollzählig waren, verließ unsere neue Lehrerin mit uns den Raum und ging durch einen dunklen Flur.

In mir tobten viele Gefühle.

Mir war ziemlich mulmig zumute, denn ich war nie in einen Kindergarten gegangen und so etwas war völlig neu für mich, so ganz alleine plötzlich unter lauter Fremden zu sein.
Gleichzeitig war ich auch aufgeregt und neugierig auf das, was ich endlich lernen würde.

Am Ende des Flurs lag unser Klassenraum und wir zogen alle aufgeregt und schüchtern ein und setzten uns an einen Pult.

„Guten Morgen, Kinder“ begrüßte uns unsere Lehrerin.
„Guten Morgen, Frau Stellmacher.“ tönten wir im Chor zurück.

Wir packten unsere Schulhefte aus, bekamen den ersten Arbeitsauftrag von unserer Lehrerin und schrieben einen Buchstaben immer wieder in unser Heft.
Kurz danach war unsere erste Schulstunde schon zu Ende, wir wurden zurückgebracht, wo unsere Eltern schon auf uns warteten.

Endlich eingeschult, aber ich war auch etwas enttäuscht. Irgendwie hatte ich mehr erwartet, aber was nur?

Einschulung geht auch anders!

Wie viel anders war dagegen die Einschulung meines dritten Kindes.

Der Tag der Einschulung verlief sehr entspannt, ohne vorgegebene Rituale. Wir Erstklässler-Eltern hatten uns vor den Sommerferien getroffen und das Programm für die Einschulung selbst zusammengestellt. Die Schule stiftete ein leckeres Buffet und baute den Grill auf.

Um 10 Uhr trudelten die Kinder mit ihren Eltern ein. Das Wetter war einfach wunderbar und so konnten wir, obwohl es bereits Mitte September war, die ganze Zeit auf dem Außengelände sein. Nicht alle Programmpunkte, die wir geplant, wurden abgearbeitet, weil sich das eben nicht ergab. War auch völlig okay so.

Alle Kinder stellten sich neben den Pflaumenbaum vor der Schule auf und einer der Lernbegleiter gab feierlich den Kindern ihre Schultüten. Denn das war den Kindern unglaublich wichtig und die waren jetzt erst mal das Interessanteste für die Kinder. Sie wurden sofort ausgepackt und damit waren die Erstklässler vorerst beschäftigt.

Mein ältester Sohn nahm in der Zwischenzeit an einer Führung durch das Schulgelände teil und stellte den Lernbegleitern viele Fragen. Freie Bildung ist ihm selbst sehr wichtig und er findet es spannend, was Taran auf der Schule erlebt und wie er sich dort entwickelt. Zu gerne wäre er auch an einer freien Schule gewesen, aber wir hatten damals keinen Platz für ihn bekommen.

Meine Jüngste sah ich am Einschulungstag kaum. Sie spielte stundenlang mit einem anderen Kind in einem Baumhaus auf dem Gelände. Ich saß mit meinen Großen auf einer Holzbank am Spielplatz und wir beobachteten die Kinder, die im Matsch Wasserstrassen bauten. Mein ältester Sohn fragte seine 21jährige Schwester, die neben ihm saß: „ Wärst Du auch gerne auf solch eine Schule gegangen?“

„Welches Kind würde nicht lieber draußen in der Sonne sein und spielen als im stickigen Klassenzimmer zu sitzen? Natürlich!“  antwortete sie.

Der Ernst des Lebens?

Am nächsten Tag begann der „normale“ Schulalltag, der auch nicht so viel anders war als der Tag der Einschulung, außer dass es kein Buffet gab. Wir kamen zur Frühstückzeit mit Taran an, setzten uns mit den Kindern und anderen Erstklässler-Eltern an die Tische in der offenen Küche und frühstückten gemeinsam. Dadurch lernte ich die Eltern und Kinder besser kennen, ebenso wie die Lernbegleiter und Praktikanten, die an der Schule arbeiteten.

Anders als an Regelschulen muss ich mein Kind in dieser freien Schule nicht in einem Klassenzimmer abgeben, sondern ich bleibe solange dabei, wie mein Kind es braucht. Das kannten wir bereits von der Probewoche, die wir gemeinsam mit unseren Kind dort verbracht haben. Den Lernbegleitern ist wichtig, dass, solange die Kinder noch keine feste Bindung zu den Erwachsenen dort aufgebaut haben, die Eltern im Notfall in der Nähe sind. So ein Notfall muss kein Unfall, sondern kann auch eine andere Situation wie z.B. ein Streit sein, die die Kinder am Anfang noch nicht allein bewältigen können. Dann kann es sein, dass sie die Eltern als Aufladestation brauchen. Bei uns lief es aber ganz entspannt ab.

Alle Erstlingseltern hören die Geschichte von dem Vater, der das gesamte erste Schuljahr im Schulumfeld verbracht hatte. Erst in den schuleigenen Räumlichkeiten, dann im nahen Café mit einem Laptop, so dass er dabei arbeiten konnte.
Warum?
Weil sein Kind die Sicherheit brauchte, dass sein Vater in der Nähe war.

Das war allerdings eher außergewöhnlich, zeigt aber, dass es in der Schule darum geht, was die Kinder brauchen. Die meisten Kinder fühlen dort viel früher sicher. Geschwisterkinder, die die Schule schon kennen, kommen ziemlich schnell an und sind oft schon nach wenigen Tagen ohne Eltern unterwegs. Bei den anderen Kindern ist es sehr unterschiedlich. Die Kinder selber haben ein gutes Gespür dafür und sagen ihren Eltern dann, dass sie gehen können.

Entspanntes Ankommen

Wir blieben also in den ersten Tagen die ganze Zeit in der Schule. Das war auch eine sehr schöne Zeit, denn so lernten wir einige Eltern und Lernbegleiter besser kennen. Das Wetter blieb in diesem September herrlich und ich verbrachte die Zeit oft auf der Wiese, die zum Schulgelände gehörte. Manchmal lief ein Huhn ein Huhn an mir vorbei oder ein Hase hoppelte zum Gebüsch, denn direkt nebenan befand sich ein Kinderbauernhof. Dort laufen viele Tiere frei herum und manchmal laufen sie auch etwas weiter.

Durch die gemeinsamen ersten Tage bekamen wir den Alltag in der Schule gut mit. Taran und ich frühstückten zusammen, wenn wir ankamen, dann wollte er meistens ins Spielzimmer. Im Spielzimmer stapeln sich in den Schränken und Regale alle Arten von Gesellschaftsspielen , Brettspielen, Würfelspielen usw.

Spielen, Spielen, Spielen…

Taran freute sich darauf, wieder Monopoly zu spielen. Das Spiel hatte er in der Probewoche kennengelernt und konnte danach nicht genug davon bekommen. Das Spielzimmer wurde einer seiner liebsten Räume und dort fand er Kontakt zu anderen Kindern, die auch Spiele lieben. Ich glaube, mittlerweile kennt er mehr Gesellschaftsspiele als ich, jede Woche kommen 2 oder 3 Spiele hinzu. Jedes neue Spiel wird erst mal ausgiebig bespielt.
Gerade ist sein aktuelles Lieblingsspiel „Hotel“. Die Altersempfehlungen, die auf den Deckel stehen, sind für die Kinder völlig uninteressant. Gespielt wird, was man kann. Die jüngeren Kinder beobachten erst mal eine Weile die anderen beim Spielen, dann wollen sie mitspielen oder werden gefragt, weil noch mehr Mitspieler benötigt werden. Um die spielenden Kinder stehen immer andere Kinder rum, die den Spielverlauf beobachten und kommentieren.

Ich staune gerade, welche Menge an Spielanleitungen Taran in kurzer Zeit gelernt und behalten hat. Da gibt es so viele Regeln zu beachten und jedes Spiel ist anders. Das ist ein unglaublich komplexes Lernen, und die Kinder lernen es, weil sie es so wollen. Nebenbei lernen sie beim Spielen rechnen, denn das ist notwendig bei vielen Spielen. Oder lesen, um die Straßennamen auf den Monopolykarten zu erkennen. Lesen und Rechnen ist aber nicht das Ziel, sondern sozusagen das „Abfallprodukt“, das beim Spielen entsteht.

In den ersten Tagen blieb ich also die ganze Zeit auf dem Schulgelände. Taran kam immer mal wieder zu mir, besonders, wenn er gerade nicht wusste, womit er sich jetzt beschäftigen sollte. Manchmal ging ich mit ihm dann in einen der Räume, z.B. den Kunstraum, denn er wollte da noch nicht alleine hingehen. Einmal töpferte ich mit, formte kleine Mäuse für die Kinder und machte mit den Mäusen Rollenspiele. Die Mädchen neben mir waren begeistert und machten mit, während Taran dabei war, ein Teelicht zu töpfern.

Die Räume werden größer

Manchmal saßen wir auch eine Weile zusammen und machten gar nichts. Irgendwann kam Taran eine Idee oder er sah ein Kind, mit dem er spielen wollte. Dann stand er auf und war für einige Zeit verschwunden. Nach drei Tagen freundete er sich mit einem älteren Jungen ab und sie verbrachten in den ersten Wochen viel Zeit miteinander. Er entdeckte das Jungszimmer, das im Keller war. Fand ich ihn nicht im Spielzimmer, so war er dort.

Am Ende der ersten Woche war es für Taran okay, wenn ich für 1-2 Stunden wegging. In der zweiten Woche dehnte ich in Absprache mit Taran immer weiter aus und in der dritten Woche blieb ich nur noch zum Frühstück. Inzwischen handhaben wir das je nach Situation. Manchmal bleibe ich, oder auch mein Mann, der ja auch ein Teil der Eingewöhnung übernommen hat, zum Frühstück, manchmal gehen wir gleich. Beides ist völlig okay. Taran ist mittlerweile gut angekommen.

Toben bis zum Muskelkater

Er kann sich für alles die Zeit nehmen, die er braucht. Zum Beispiel beim Fußball. Jeden Morgen sehe ich eine Gruppe Jungs auf dem Außengelände Fußball spielen. Viele Woche lang beobachtete Taran die Jungs und übte für sich oder mit uns Fußball. Dann wurde er gefragt, ob er mitspielen will und jetzt ist er immer öfter dabei.

Wenn wir mit Taran nach Hause gehen, ist er körperlich gut ausgelastet. Die Kinder auf der freien Schule können ihren Bewegungsdrang ausleben, durch Fußball, Rennen, Springen, Fangespiele usw.

Einmal kam ich morgens mit Taran, es war noch recht warm, in der Schule an. Wir gingen zum Außengelände, ich schaute mich suchend um und sagte: „ Es ist noch gar keiner da.“ „Doch, ich!“, hörte ich über uns aus einem Baum. Ich schaute hoch und sah zwei Kinder in den Ästen des Pflaumenbaums neben uns klettern.

Fast jeden Tag spielen die Kinder dort fangen. Irgendeins der Kinder hat zu einem der Fangespiele eine Idee und sucht sich andere, die mitmachen. Es finden sich immer welche, manchmal sind fast alle der Schule beteiligt. Taran ist an manchen Tagen soviel gerannt, dass er mit einem Muskelkater heimkam. Kein Erwachsener muss die Spiele anleiten, die Kinder selber initiieren die Spiele.

Keine erzwungene Trennung

Diese erste Zeit an unserer freien Schule unterscheidet sich fundamental von all dem, wie wir es bisher kenne. Es gibt keine erzwungene Trennung für das Kind, die manchen Kindern leichter, anderen Kindern aber sehr schwer fällt und manchmal mit Tränen verbunden ist. Auch sehe ich nicht diese Trennlinie zwischen Eltern, Kindern und Lehrern wie an Regelschulen. Ich hatte am Anfang eher das Gefühl, in einer Kommune zu sein statt in einer Schule, zu unterschiedlich sind die ganzen Rahmenbedingungen zu regulären Schulen. Als anwesende Mutter bekomme ich auch keine besondere Beachtung von den Kindern und Erwachsenen, ich bin einfach nur da.

Hunde verboten

Wie anders dagegen haben wir es mit unseren älteren Kindern an der Regelschule erlebt. Einmal, meine Ältere war gerade in der 3. Klasse, hatte sie ihr Schulbrot vergessen. Mein Mann wollte es ihr bringen, während er mit unserem Hund eine Runde drehte. Unser Hund war damals noch ein junger Hund, ca. 6 Monate und zuckersüß. Mein Mann ging also mit unserem Hund ins Schulgebäude zum Klassenzimmer meiner Tochter. Er öffnete die Tür und unser kleiner Hund schoss mit all der Lebensfreude, die kleine Hunde ebenso wie Kinder haben, in den Klassenraum und wuselte durch die Reihen. Die Kinder jubelten und strahlten, während die Lehrerin mit versteinerter Miene zu meinem Mann schaute, der seiner Tochter das Pausenbrot auf den Tisch legte und gleich wieder mit unserem Hund verschwand.

Am nächsten Tag klebte an der großen Eingangstür der Schule ein Bild von einem Hund, das eine große Ähnlichkeit mit unserem Hund aufwies. Das Hundebild war durchgestrichen und mit großen roten Buchstaben stand dort:

Hunde verboten!

Ja, wenn das jeder machen würde, nicht wahr?

Einfach so in die Schule zu kommen.
Das geht doch nicht. Und erst recht nicht mit Hund. So. Dem haben wir’s aber gezeigt.

Das ist normal an Regelschule, die im Grunde vor allem deswegen Regelschulen heißen, weil das Befolgen von Regeln an erster Stelle steht, nicht die Beziehung oder Lebendigkeit der Kinder.

Schule geht auch anders

Freie Alternativschulen wollen da einen anderen Weg gehen, aber jede freie Schule unterscheidet sich von der anderen. So gibt es auch unterschiedliche Konzepte über die ersten Wochen und das Ankommen der neuen Schüler. So unterschiedlich wie wir und jedes Kind ist, kann eine Schule auch nicht für alle Kinder passen. Wir haben uns viele freie Schulen angeschaut und dann gespürt, genau da, an dieser Schule sehen wir unseren Sohn. Er wollte auch dorthin. Das kann bei einer anderen Familie natürlich eine ganz andere Schule sein. Deswegen ist es auch gut, dass die freien Alternativschulen die Möglichkeit zur Probewoche bieten. Spätestens dann merkt Ihr, ob es passt.

Die freie Schule empfinde ich in erster Linie als Lebens -und Erfahrungsraum, indem das Lernen eingebunden ist in das Spielen und die Projekte der Kinder. Das Lernen diesmal so anders zu erleben ist unglaublich entspannend und wohltuend. Ja, es geht auch anders.

 

 Hier könnt ihr euch über freie Schulen informieren und nach Schulen in eurer Nähe suchen: Bundesverband der Freien Alternativschulen e.V.

Ich teile unsere Erfahrungen mit euch, weil ich noch weiß, wie dringend ich früher Berichte vom anderen Lernen und freien Schulen gesucht habe. Der normale Schulalltag an Regelschulen wird noch viel zu selbstverständlich hingenommen. Je mehr wir über Alternativen wissen und verbreiten, desto mehr wird es zur Normalität.

In einem  meiner nächsten Beiträge schreibe ich über ein paar Dinge, die mir dort aufgefallen sind und die etwas anders ablaufen als üblich an Schulen. Ich freue mich wenn Du dabei bleibst.

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Mehr zu Freien Schulen findest du auch auf unser Pinterest-Pinnwand:


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