Wie du ein Wutgewitter deines Kindes überstehst!

2 Uhr mittags. 32 Grad. Sommer.

Ich sitze gerade auf einer Bank auf dem Tempelhofer Feld und rufe meinen ältesten Sohn an. Er sagt gerade mal „Hallo, Mama“, da höre ich hinter mir ein tiefes, langanhaltendes Grollen.
„Hörst du das, Timo?“ frage ich ihn und halte mein Handy dem Grollen entgegen.
„Ist das bei mir oder bei dir?“ fragt er.
„Bei mir. Da scheint ein heftiges Gewitter aufzukommen. …Oh, sei mal bitte kurz leise“, unterbrach ich Timo, der gerade etwas sagen wollte.

„Verehrte Badegäste, wir haben vom Deutschen Wetterdienst eine Unwetterwarnung bekommen. Verlassen Sie Sofort Das Wasser. Ich wiederhole, verlassen Sie sofort das Wasser und den Badebereich“, höre ich vom nahegelegenden Freibad.

„Runter von den Rutschen, und zwar sofort!“ kreischt der Lautsprecher kurz darauf.

„Timo, hast du das gehört? Ich fahre schnell nach Hause. Ich bin ja mit dem Rad hier.“

„Ja, Mama, fahr mal schnell los. Es soll nämlich sogar hageln“, weiß Timo.

Okay, ich schwinge mich auf’s Rad und fahre im Tross von vielen anderen Radlern Richtung Süden. Alle sind so ungewöhnlich schnell unterwegs. Die ersten Regentropfen klatschen mir ins Gesicht. Noch schneller fahren. Acht Kilometer habe ich noch vor mir.

Vor dem Gewitter in Sicherheit bringen, schnell.

Ein Crossradfahrer überholt mich mich und ruft mir zu: „Bei Gewitter bekommt man Heimweh, nicht wahr?“
„Ja, genau, das Fahrrad ist ja leider kein farradayscher Käfig“, lache ich. Er lacht zurück, sagt: „Guten Heimweg noch. Ich bin gleich zu Hause.“

Die letzten Kilometer im schwersten Gang, und dann habe ich es auch geschafft: Ich bin zu Hause. Schnell noch im Garten die Gewächshaustür schließen, Kissen reinbringen und mit Hundi Gassi gehen. So, jetzt kann das Gewitter toben, das macht mir gar nichts. Ich bin in Sicherheit.

Denn mit einem Gewitter kann ich nicht diskutieren.

Ich kann nicht zu ihm sagen: „Ach, gewitter doch bitte ein bisschen später, wenn du unbedingt gewittern willst. Oder morgen, wenn ich mein Auto dabei habe – oder gar nicht. Regen reicht doch, um die Erde nass zu machen.“

Das Gewitter macht, was es will. Lässt sich nicht mehr aufhalten. Von mir schon gar nicht.
Da hilft nur eins: Sich in Sicherheit zu bringen. Denn Gewitter sind nach wie vor gefährlich. Lebensgefährlich. So viel Energie.

Das menschliche Gewitter – das Wutgewitter.

Und da trifft das Gewitter auf eine sehr menschliche Energieentladung, dem Wutanfall.

Wir alle sind schon mal einem Wutanfall begegnet: bei unseren Kindern, bei unserem Partner oder unseren Eltern, bei Geschwistern und natürlich auch bei uns selbst.
Begegnen wir einen Wutanfall bei jemand anderem, ist es ziemlich schwer, richtig zu reagieren. Weil alle Versuche, den anderen zu beruhigen, scheinbar ins Leere laufen.

Das scheint sogar das innere Feuer noch mehr anzufachen. Schon ein Kind kann in einem Wutanfall anderen Menschen richtig wehtun. Ein Erwachsener erst recht. Auch wenn es meist nur Worte sind, die uns treffen.
Doch während jeder vernünftige Mensch sich vor einem heftigen Gewitter in Sicherheit bringt, versagt unser Selbstschutz oft bei Wutanfällen anderer, denen wir begegnen.

Die Selbstschutz-Strategien bei einem Gewitter können wir auch für ein menschliches Gewitter nutzen, ob bei einem Kind oder jemand anderem.

Ein Wutgewitter kündigt sich eine Weile vorher an. Reagiere rechtzeitig, dann kann es sein, dass es an dir vorrüberzieht.

Doch wenn es richtig losgeht, hält nichts mehr es auf. Alle Versuche deinerseits, es aufzuhälten, bringen dich nur noch tiefer in die Gefahrenzone.

Ein Wutgewitter ist eine unglaubliche Energie.

Sorge für Sicherheit, damit ihr alle unbeschadet das Wutgewitter übersteht.
Das kann bedeuten, eine gewisse räumliche Distanz zwischen sich und dem Wutgewitter zu legen. Bei einem Kind bedeutet dies aber, trotzdem in der Nähe zu bleiben, aber außerhalb von Wurfgeschoss- und Tretweite.

Ein wütendes Kind ist nicht für Argumente offen, auch ein wütender Erwachsener nicht. Alle rationalen Kanäle sind zu. Rede nicht, oder nur sehr wenige Worte, solange das Wutgewitter tobt. Kurze Sätze, die dem Wutgewitter zeigen, dass es wahrgenommen wird. Die beschreiben, was gerade bei ihm abgeht. Manchmal ist selbst das zuviel.

Bei solch einem Gewitter kannst du nur abwarten. Es geht vorüber, ganz sicher. Kann aber etwas dauern. Habe Geduld. Sei bereit.

Ein Gewitter sucht nicht dich persönlich aus, um seine Blitze auf dich zu schleudern. Stehst du während eines Gewitters alleine auf dem Tempelhofer Feld, wirft es vielleicht einen Blitz auf dich. Ein Mensch allein auf weiter Flur triggert so ein Gewitter eben ungemein.

Auch bei einem Wutgewitter bist du vielleicht der Auslöser. Die Ursache liegt in dem Wutgewittererzeuger selbst. Mache dich bei einem Wutgewitter nicht zum Ziel.
Bei einem Gewitter kann ich mich schützen, in dem ich mich in einen sogenannten faradayschen Käfig begeben, wie z.B. ein Auto. Selbst wenn der Blitz das Auto trifft, schadet er mir nicht, sondern er wird einfach weitergeleitet.
Begegnest du einem Wutgewitter und kannst keine räumliche Distanz zwischen dir und dem Gewitter schaffen, dann lege dir in Gedanken einen faradayschen Käfig zu. „Schutzblase“, würden meine Kinder dazu sagen. Das bedeutet, alles, was aus dem Mund des Wutgewitters kommt, kann dich nicht treffen. Ob du die „blödeste Mama der Welt“ gerade genannt wirst, oder sogar ein „Ich hasse dich“ geblitzt wird.

Es sind Ausdrucksformen dieser unglaublichen Entladung bei einem Wutgewitter. Jetzt ist jedenfalls der falsche Zeitpunkt, darüber zu reden. Einfach nur da sein. Das reicht.

Irgendwann ist auch das heftigste Wutgewitter vorbei. Manchmal ist der Himmel schnell wieder strahlend blau, das Kind wieder ruhig. Doch manchmal sind, wie bei einem echten Gewitter, Aufräumarbeiten fällig. Ist wirklich alles heile geblieben? Brauchen wir erst mal Zeit, um das Gewitter zu verdauen? Haben wir uns gut genug geschützt? Wie können wir uns nächstes Mal rechtzeitig in Sicherheit bringen?

Denn nach dem Gewitter ist vor dem Gewitter, das ist sicher. Und nicht immer schickt der Deutsche Wetterdienst vorher eine Unwetterwarnung.

Später noch einmal über den Wutanfall zu reden, hilft deinem Kind, andere Strategien zu entwickeln, mit seiner Wut umzugehen. Erwachsene, die noch unkontrollierte Wutausbrüche haben, konnten als Kind keine Strategien zur Bewältigung ihres Ärgers, ihres Schmerzes oder ihrer Hilflosigkeit entwickeln.
Indem du selbst gelassen bleibst, gibst du deinem Kind eine wichtige Strategie in die Hand, um seine Gefühle zu verarbeiten. Wenn dein Kind gerade in einem heftigen Wutgewitter steckt, dann mache dir bewußt, wie jung es noch ist. Es kann seine Gefühle noch nicht alleine regulieren. Das lernt es mit deiner Hilfe. Darüber habe ich in dem Artikel „Warum es so wichtig ist, alle Gefühle unserer Kinder anzunehmen und wie wir wieder eine reiche Gefühlssprache lernen“ mehr geschrieben.

Viele Situationen kannst du bereits im Vorfeld entschärfen, damit es gar nicht erst zu einem Gewitter kommt. Einige Möglichkeit, Konflikte zu lösen, stelle ich in dem Artikel  „Was du tun kannst, um einen Konflikt mit deinem Kind ohne Strafen zu lösen“ vor.

Wenn du selbst zu heftigen Wutanfällen neigst, hilft dir vielleicht eines der Bücher weiter, die ich in den nächsten Tagen zum Thema elterliche Wut vorstelle.

Zum Weiterlesen: http://de.wikihow.com/Bei-einem-Wutanfall-eines-Erwachsenen-richtig-reagieren

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