Der Familienfluch!

Oder: Woher kommen die Emotionen?

Neulich hat bei uns zuhause ein, wie soll ich sagen, unfreiwilliges soziales Experiment stattgefunden.

Meine Mutter war zu Besuch. Das ist für meine Töchter natürlich ein freudiges Ereignis, sie lieben ihre Oma und andersherum stellt es sich natürlich nicht anders dar. Für mich sind diese Besuche (ach ja, Oma wohnt 500 km entfernt von uns) auch unter anderen Gesichtspunkten interessant:
Die letzten Jahre habe ich mich damit beschäftigt, woher einige unangenehme Eigenschaften von mir kommen.
Wieso fehlt es mir öfters an Empathie?
Warum bringen mich die Kinder manchmal mit Kleinigkeiten auf die Palme?

Warum triggern meine Töchter so oft unbändige Wut, Ungeduld und Härte in mir?

Mithilfe dieser Besuche kann ich das Puzzle jedes Mal etwas mehr zusammensetzen.

An dem Abend hat sich folgendes zugetragen:
Oma hat ein tolles Spiel mitgebracht. Es nennt sich Kakerlakak und man soll eine batteriebetriebene Kakerlake über ein Spielfeld ins eigene Zielloch befördern und andere am selben Plan hindern. Alle fanden es sehr witzig und hatten jede Menge Spaß. Bis auf meine Siebenjährige, die dreimal in Folge verlor. Das Ergebnis können sich sicherlich einige von euch vorstellen: Wut, Tränen, auf den Boden werfen.

Ich habe gemerkt, wie in mir die Wut und Ungeduld schon wieder aufstieg, während meine Frau die Ruhe selbst blieb.

Zum Glück haben wir schon oft über solche Situationen gesprochen und sind uns beim Umgang damit einig:
Entwicklungspsychologisch ist unsere Große gerade in einem Alter, in dem sie sich sehr über ihre Erfolge und ihre Wirkung definiert. Ihr “Anfall” ist also nicht ausschließlich das Zeichen einer niedrigen Frustrationstoleranz. Nein, dreimal in diesem Spiel zu verlieren war für meine Tochter wirklich ein Weltuntergang. Und das ist völlig okay.

Bitte versteht mich richtig; jetzt in diesem Moment kann ich das aus vollstem Herzen schreiben. An jenem Abend jedoch musste ich mir das im Kopf immer wieder vor mir her beten, weil in mir das Chaos tobte.

Genau da fing meine Mutter an zu reden:
Ich kann es leider nicht mehr genau wiedergeben, aber sie begegnete meiner Tochter sinngemäß mit absoluter Ablehnung. Es war für sie eindeutig, dass Frede (so heißt meine Große) KEIN RECHT dazu habe, so auszuticken. Es sei übertrieben und sie solle sich zusammenreißen. Zum Glück hielt sie sich einigermaßen zurück und fragte eher meine Frau, ob das nicht doch langsam zu viel wäre mit dem Türen-Schlagen und dass sie schon längst… und so weiter, und so fort.

Meine Frau, und dafür liebe ich sie, erklärte ihr dann, dass sie selbst, meine Mutter, das Problem habe und in dem Moment ihr Enkel für ihre Emotionen verantwortlich mache.

Jetzt betreten wir eine Metaebene, denn genau das habe ich in dem Moment auch wieder neu begriffen:

Als ich in dem Alter meiner Tochter war, muss meine Mutter eben genau auf die oben beschriebene Weise reagiert haben, wenn ich aufgewühlt und „unartig“ war:
Ablehnung, Herabwürdigung, Ignoranz und keine Empathie.

“Da ist wohl jemand ganz schön müde!”

“Jetzt reicht es aber!”

“Da muss wohl jemand ins Bett!”

In jeder Familie hört es sich etwas anders oder ganz ähnlich an, aber die Aussage ist immer gleich:
Ich habe keinerlei Verständnis für deine Gefühle. Sie sind unberechtigt und falsch.

Das hat tiefe Verletzungen in einer sensiblen Entwicklungsphase hinterlassen. Und es hat Auswirkungen auf meinen Umgang mit meinen Kindern. Denn jetzt brechen diese Verletzungen in ähnlichen Situationen wieder heraus.

Meine Kinder triggern meine Wunden und Gefühle, die ich in mir damals begraben habe.

Das ist der reine, innere Stress. Und es fällt mir schwer, nicht genau so zu reagieren, wie meine Mutter.
Und noch etwas wird mir in solchen Momenten bewusst: Als meine Mutter klein war, ist genauso ebenfalls mit ihr umgesprungen worden. Ein Familienfluch.

Wir können also verstehen, dass, wenn unsere Kinder in uns starke Gefühle von Stress, Wut und Ungeduld auslösen, wir als Kind eben solchen Situationen ausgesetzt worden sind. Uns wurde ohne jede Empathie begegnet. Oder etwas härter formuliert: Wir wurden gebrochen.

Unser verwundetes inneres Kind

Die meisten von uns, ich möchte fast sagen jeder, hat solch ein verwundetes Kind in sich. Es ist da und gerade, wenn wir inzwischen selbst eine Familie gegründet haben, können wir es nicht ignorieren. Es spricht zu uns. Und es wäre gut, wenn wir uns darum kümmern.

Sollte wieder einmal eine Situation vorkommen, in der unsere Tochter/unser Sohn mit seinem Verhalten so starke Emotionen in uns triggert, dann wäre es ratsam, ihm zu sagen:

“Ich muss kurz aus den Raum gehen, mich beruhigen.”

Das ist schon mal besser, als in eine Spirale aus Wut und Streit zu geraten.

Wenn wir dann allein sind, haben wir Zeit, mit unserem verwundeten inneren Kind zu sprechen. Wir können sagen:

Ich weiß, du bist verletzt und hast Angst. Ich habe mich in der Vergangenheit nicht gut um dich gekümmert. Bitte verzeih mir. Ich bin für dich da und verstehe deine Verletzungen. Ich nehme dich in den Arm und halte dich.

Wir setzen meditativ genau das um, was damals unsere Eltern hätten mit uns tun sollen. Wozu sie aber selbst nicht in der Lage waren, weil ihnen ebenfalls in ihrer Kindheit Unrecht getan worden ist.

Auf diese Art können wir Heilung in uns erreichen und wir werden feststellen, dass wir ruhiger, besonnener und vor allem empathisch und liebevoll auf unser Kind eingehen können.

Es ist an uns, den “Familienfluch” zu unterbrechen. Und wir dürfen darauf vertrauen, dass wir die Stärke dazu haben.

Es grüßt euch Mathias von www.in-den-brunnen.de

Shalom

 

Dies ist ein Gastartikel von Mathias Rudolf, der den Blog www.in-den-brunnen.de betreibt.
Er betrachtet Märchen als Hilfe, um in ein tieferes Verstehen von uns selbst zu kommen.

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