Bonneuil – Ein Ort zum Leben für Kinder in Schwierigkeiten

„Die gesprengte Institution“

Im Rahmen meines Studiums,  bei dem ich praktische Begegnungen in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie machte, suchte ich nach Alternativen, denn der einengende Rahmen und die ,,geschlossene Situation“ schienen mir eine sinnvolle Arbeit unmöglich zu machen.
So stieß ich auf die Publikationen von Maud Mannoni. Die von ihr gegründete ecole experimentale de Bonneuil sur Marne ist eine psychiatrische Tagesklinik für Kinder und Jugendliche, die nach psychoanalytischem Konzept arbeitet. Eine   große Zahl der  antipsychiatrischen Experimente sind an ihrem reformunfreudigen Umfeld zerbrochen. Die 1969 gegründete Versuchsschule von Bonneuil ist eine Ausnahme, sie besteht bis heute.

Je länger ich mich mit ihren Publikationen auseinandersetzte, desto mehr war ich fasziniert von der Idee der ,,gesprengten Institution“. Die praktische Umsetzung in Bonneuil überzeugte mich, dass allein die Öffnung der Institution Psychiatrie eine Veränderung in Gang bringen kann.

Die Ecole expérimentale de Bonneuil sur Marne als Wegbegründer der Anti-Psychiatrie

Der institutionelle Rahmen einer Kinder- und Jugendpsychiatrie lässt oft wenig Raum für neue Wege im Umgang mit psychisch erkrankten, autistischen oder auch stark entwicklungsverzögerten Kindern. Die Analytikerin Maud Mannoni hat es sich vor 50 Jahren zum Ziel gemacht, solche starren Institutionen zu „sprengen“, um einen anderen Umgang mit Kindern und Jugendlichen zu leben.
Sie gründete in Frankreich die Ecole expérimentale de Bonneuil sur Marne, die bis heute besteht.

30 – 40 Kinder und Jugendliche leben in der Ecole expérimentale de Bonneuil sur Marne in der Nähe von Paris. Die Versuchsschule ist keine Kinder- und Jugendpsychiatrie im klassischen Sinne, sondern ein Ort zum Leben, betont Maud Mannoni. Sie sagt: „Wir fordern von den Kindern nicht die Anpassung an die Gesellschaft. Die Kinder sollen Zugang zu ihren eigenen Wünschen finden und ihr Leben so weit wie möglich selbst bestimmen.“

Der Verzicht auf erzieherische und behandelnde Maßnahmen ist somit eine Grundhaltung der Mitarbeiter. Die Kinder und Jugendlichen in Bonneuil erhalten prinzipiell keine Medikamente. Die Symptome der Kinder stehen nach Ansicht der Mitarbeiter und Betreuer in Bonneuil für ein Symbol, das dringlichst ausgelebt werden muß. „In Bonneuil wird nie von einweisen oder aufnehmen gesprochen, sondern von empfangen“, erklärt die Kinderanalytikerin.

Alle, die dort leben, sind freiwillig dort

Die Kinder leben in einer der fünf therapeutischen Wohngruppen. Alle, die dort leben, sind freiwillig bereit, dort zu verweilen.
In Bonneuil gibt es keinerlei institionelle Arrangements, die verpflichtend wären, so auch keine Therapie und feste Bezugspersonen. Mannoni misst der Öffnung nach außen eine große Bedeutung bei. Sie möchte die pathogene Einengung und Gefangennahme des Kindes nicht wie in der Herkunftsfamilie wiederholen.
Manche Kinder beginnen ihren Aufenthalt zum Beispiel damit, sich zu verbarrikadieren. Erst nach absoluten Rückzug ist eine Rückkehr bei manchen Kindern in die soziale Gemeinschaft möglich, ist die Haltung dort. In Bonneuil wird den Kindern eine Beteiligung am Geschehen freigestellt. Im günstigsten Fall fangen verstummte Kinder dadurch wieder selbstgewählt an zu sprechen.

Orte der Begegnung

Ein weiteres Therapeutisches Konzept von Maud Mannoni ist es, die Kinder und Jugendliche von Bonneuil an gastliche Orte der Begegnung zu schicken. Sie verbringen einige Zeit bei Bauern oder Handwerkern in der Bretagne oder den Cévennen und werden in die dortigen Arbeitsprozesse eingegliedert. Viele Kinder haben so ihre Pflegefamilien auf dem Land, in die sie mehr oder weniger regelmäßig fahren. Das Entscheidende dabei ist der Wechsel zwischen den Orten. Die Kinder fahren weg aus Bonneuil und kommen wieder, sie behalten ihren Platz.
Jede erneute Ankunft in Bonneuil ist ein Neubeginn und begünstigt weitere Entwicklungen.

Auch in der Gastfamilie konnte sich das Kind anders erleben. Maud Mannoni machte dazu folgende Beobachtung:
„Hören sie doch“, sagte die Pflegemutter zu der Mutter eines autistischen Kindes, „hören sie, was er dem Feuer alles erzählt. Ich glaube, jetzt sagt er ihm gerade, dass ermorgens mit mir zum Kühe melken auf die Weide kommt.“
„Aber er sagt doch gar nichts“, entgegnete die Mutter.
„Richtig geschwätzig ist er, ihr Sohn, erhört gar nicht mehr auf.“
Während für die Mutter ihr Kind stumm ist, ist es geschwätzig für die Bauersfrau. Durch die gemeinsame Arbeit ist ein Dialog zwischen den beiden entstanden.

Bildung in Bonneuil

In Bonneuil wird viel Wert auf schulische Arbeit gelegt, denn „lernen“ ist für Mannoni „die Waffe des Lebens“. So wird auch bei Psychotischen Kindern, die fern des reellen Lebens leben, Wert darauf gelegt, dass sie die Schule besuchen.

Die künstlerischen Ateliers

Ein besonderer Stellenwert im Therapiekonzept der Schule von Bonneuil haben die künstlerischen Ateliers. Sie priveligieren das Schaffen von Phantasieräumen und ermöglichen dem Kind, sich auf einer symbolischen Ebene auszudrücken.

Das Malatelier funktioniert nach der Idee von Arno Stern. Das Ausdrucksmalen nach Arno Stern findet in einem dos heu (einem geschloßenen Raum) statt, die Blätter sind an den Wänden festgeklebt, und alle malen im Stehen.  Arno Stern zufolge entsteht in den schützenden vier Wänden eine Spur.

Er schreibt hierzu: „Anders ist es, wenn ein Ort entsteht, der andere Gewohnheiten einführt, ein Ort der eingerichtet ist, um eine solche Äußerung zu ermöglichen, ein Ort, an dem diese andere Äußerung“ nicht zufällig geschieht, sondern wo sie als ein normaler Vorgang selbstverständlich ist“ (Vortrag von Arno Stern, 1989).

Sämtliche Ateliers (Malerei, Marionetten, Musik, Märchen, Theater, Collage, das   Geheimnis der Zahlen und plastisches Gestalten) werden von Künstlern betreut und     charakterisieren sich keinesfalls durch pädagogisches Leiten, sondern durch Rituale, die den Kindern Sicherheit bieten sollen.
Die Grundidee ist hier, dem Kind einen festen Rahmen zu bieten, alle Kinder und Erwachsene versammeln sich nach den Vorbereitungen vor der Türe des Ateliers und betreten zusammen das Territorium der Malerei.
Sie fassen sich an den Händen, bilden einen Kreis und sprechen folgendes Ritual:

„Mit den Händen, ganz ganz fest, bilden wir den Kreis…
Wir lassen eine ganz weiße Stelle in den Kopf einziehen…
Weiß wie ein weißes Blatt und wir rufen den Farbvogel…
Wir rufen ihn – er fliegt… er kommt… er ist da.
Wir stehlen ihm das Weiß seiner weißen Feder.
Wir stehlen ihm das Grün seiner grünen Feder.
Wir stehlen ihm das Gelb seiner gelben Feder.
Wir stehlen ihm das Blau seines blauen Auges.
Wir stehlen ihm das Schwarz seiner schwarzen Gedanken.
Wir stehlen ihm das Rot seines Blutes, das in seinen Vogeladern fließt.
Wir stehlen ihm seine Flügel und mit dem Pinsel, mit diesen seinen Farben werden wir unsere Malländer schaffen.
Wir werden unsere Welt der Farben finden – wo der Vogel aufsteigen kann- und wir uns dort niederlassen können,um etwas abzulegen.“

Räumliche Grenzen sind durch das Blatt Papier, das jeder zur Verfügung hat gesetzt.
So werden zwei Gesetze vermittelt, die eingehalten werden müssen: die Farben in der Pallette dürfen nicht gemischt werden und kein anderes Blatt darf bemalt werden.

Durch das gemeinsame Arbeiten beim Malen, Theaterspielen, Musizieren oder Plastizieren baut sich eine Beziehung zwischen den Kindern und Betreuern auf.
„Die so vermittelten Beziehungen befreien von Zwängen der Unmittelbarkeit, denn in den familiären Beziehungen sind die Kinder gescheitert“, erklärt die Kinderanalytikerin Maud Mannoni.

Maud Mannoni verstarb 1998 im Alter von 75 Jahren in Paris. Sie hat ein umfangreiches Werk hinterlassen, in dem ihre Grundidee weiterlebt: Einen Ort zu schaffen, wo Kinder und Jugendliche, die durch eine mentale Behinderung oder eine Psychose an Institutionen gebunden sind, ohne Überwachung leben können.


Bücher von Maud Mannoni:

Scheisserziehung – von der Anti-Psychiatrie zur Anti-Pädagogik
Syndikat Verlag

Das zurückgebliebene Kind und seine Mutter
Walter Verlag

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